Autonome Automobile | Das Ende eines Fetischs

Selbstständig ohne menschliche Steuerung fahrende Automobile, so genannte »autonome Autos« sind die Zukunft. Daran gibt es keinen Zweifel. Die Frage ist nur noch, wann die Technik so ausgereift sein wird, dass diese autonomen Autos straßentauglich sein werden. Google arbeitet bereits dran. BMW strebt sogar eine Kooperation mit Apple an, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Wenn diese Unternehmen soweit sind, dann werden autonome Autos allmählich alle von Fahrern gesteuerten Kraftfahrzeuge ersetzen, bis diese auf öffentlichen Straßen ganz verboten sein werden. Der Grund für die Unaufhaltsamkeit dieser Entwicklung ist denkbar einfach: Autonome Autos sind sehr viel sicherer als von Menschen gesteuerte. Allein auf deutschen Straßen werden dann jedes Jahr mehrere Tausend Menschen weniger im Straßenverkehr sterben.

»Do no harm«

Darum ist die Zukunft der autonomen Autos gesichert. Das Prinzip des »do no harm«, spätestens seit John Stuart Mills wegweisendem Buch »Über Freiheit« von 1869 die Grundlage liberalen Denkens, verlangt von uns, die Technik autonomer Autos flächendeckend zu nutzen. Natürlich wird es am Anfang Widerspruch »ohne Ende« geben. Die individuelle Freiheit, die Selbstverwirklichung, das gute Leben stehen auf dem Spiel, wird es heißen. Die Bürger (gemeint sind passionierte Autofahrer) werden ihrer Rechte beraubt, entmündigt und bevormundet usw. Am Ende jedoch wird sich das Prinzip des »do no harm« durchsetzen. Immerhin bildet es den Kern unseres liberalen Minimalkonsenses. Und das ist auch gut so.

Herbie

Zwar wird es auch einige ziemlich vertrackte Probleme geben, weil diese autonomen Autos gelegentlich moralische Entscheidungen in Dilemma-Situationen treffen müssen: Wenn eine Karambolage unvermeidlich ist, soll dann eher der große und sichere Jeep mit den Kindern an Bord auf der rechten Seite oder der ziemlich unsichere Kleinwagen ohne Kinder auf der linken gerammt werden? Solche dilemmatischen Situationen werden jedoch nur noch sehr selten auftreten. Irgendeine Lösung wird sich schon ergeben. Wenn sich nichts Besseres findet, muss ein Zufallsalgorithmus entscheiden.

Persönlichkeitsverlust

Das wahre Problem ist ein anderes. Autos sind immer noch das Statussymbol Nr. 1. Der Mensch ist nicht, was er isst. Vielmehr ist er das, was sein Auto zum Ausdruck bringt. Sportlich oder niedlich. Sexy oder aggressiv. Leistungsstark oder vernünftig. Draufgängerisch oder praktisch. Es ist zu vermuten, dass autonome Autos nicht annähernd so gut als Statussymbol funktionieren werden. Zwar kann man sie ebenso hervorragend in der Öffentlichkeit vorzeigen. Viel besser immerhin als Designermöbel oder Büchersammlungen. Aber diese Autos sind eben autonom und nicht mehr Teil der Persönlichkeit ihres Fahrers. Sie werden nicht mehr vom Fahrer gelenkt, beherrscht und dominiert. Ihre Eigenschaften übertragen sich daher auch nicht mehr auf den Mann oder die Frau hinter dem Steuer.

Eine Lebensader trocknet aus

Hier liegt die echte Herausforderung: Wenn man mit dem Kauf eines autonomen Autos nicht mehr zugleich auch eine neue, bessere und beeindruckendere Persönlichkeit erwirbt, dann wird dieser Kaufakt ungleich bedeutungsärmer. Der Fetisch des Autos verliert seinen Reiz. Es ist zu erwarten, dass die meisten Autokäufer dann deutlicher rationaler entscheiden und viel weniger Geld ausgeben. Da die deutsche Automobilindustrie vor allem von dem Verkauf ihrer prestigeträchtigen Luxuskarossen lebt, muss sie sich etwas einfallen lassen, um mit diesem Problem fertig zu werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass diese Lebensader der deutschen Wirtschaft austrocknet. Wir dürfen gespannt sein.

Foto: http://de.wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

2 Kommentare

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  1. Dennis Kühn · April 26, 2015

    Ich habe mit einem Freund über dieses Thema diskutiert und wir kamen auf eine recht interessante Idee, die ich mit Ihnen teilen möchte:

    Die Entscheidung „Jeep mit 2 Kindern oder Single im Kleinwagen“ muss irgendwer treffen – soweit klar. Wenn man als Hersteller socher Wagen aber nicht gut und falsch definieren kann oder möchte (ggf aus rechtlichen Motivationen), wäre es durchaus eine Option beim Kauf des Wagens eine Serie von Fragen an den Käufer des neuen, „intelligenten“ Wagens zu stellen.

    Dieses Set Fragen könnte eine kleine Menge sein anhand dessen die Präferenzen des Eigentümers ermittelt werden und die dann später zur Hand gezogen werden können wenn es heißt „Wegen dieses Autos sind jetzt drei Kinder in Lebensgefahr!“, also ist belegbar „Ja, aber der Eigentümer wollte lieber die schwerkranke Renterin mit ihrem Hund retten, was sich aus den Antworten der Fragen 3, 8 und 14 ergeben hat.“

    Ein Problem dabei ist natürlich, dass man Menschen aufgrund von Eigenschaften (sowohl ihrerseits als auch ihres direkten Umfelds wie „Panzerung“ der Fahrzeugs, Helm vs ohne Helm, etc.) diskriminieren muss. Dabei muss natürlich darauf geachtet werden, dass man auch nur adäquate Unterscheidungsmerkmale in den Katalog aufnimmt, da sonst aufgrund von bspw Hautfarbe oder Sexualpräferenz entschieden werden könnte.

    Alles in allem wirft das zwar ein paar weitere Probleme auf, wirkte aber wie ein sehr interessanter Ansatz den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

    Beste Grüße & viel Spaß beim weiteren Philosophieren!

    • slippery-slopes · April 26, 2015

      Und mit dem Fragebogen fiele dann doch wieder ein Stück der Autonomie zurück an den „Fahrer“.