Authentizität | Echte Werthe

Es gab Zeiten, da schien es mit der Authentizität ganz einfach zu sein. Das bundesrepublikanische Deutschland mochte sich in den 1980ern zwar über Pershing II, den § 218 und dergleichen in einer immer unübersichtlicheren Welt erregen und besorgt fragen: Was soll das noch werden? Sind wir das noch? Doch wurden den besorgten Bürger*innen damals zugleich auch zwei bemerkenswerte Segnungen zuteil, die versprachen, jegliche Beklemmungszustände in Wohlgefallen aufzulösen.

Echt braun

Da gab es zum einen dieses klebrige Bonbon mit Karamellkern: Wann immer im Fernsehen ein bürgerlich-schnauzbärtiger Wohlstandspensionär in brauner Strickweste auf dem Fauteuil sitzend »Ich weiß noch ganz genau…« sagte, war im Weichbild des Wirtschaftswundertraumlandes die Verheißung zu erahnen, dass im Grunde genommen noch alles seine Richtigkeit hatte und eine auf derart generationenübergreifende Süßwarenvorlieben aufruhende Gesellschaft niemals aus den Fugen geraten würde. Schließlich bekam auch der kleine Biedermeier-Michael über Jahrzehnte hinweg in unveränderter An- und Beständigkeit von der wertkonservativ lächelnden Frau Lange den ersten Storck-Riesen-Vorschuss sogleich ausbezahlt und den Rest bundesschatzbriefsicher in die Tüte verpackt. Das Versprechen solch authentischer Heimeligkeit: Nimm das, oder gleich zwei! Überlegen musst du nicht mehr, denn das ist garantiert echt!

Diskursdisko Fever

Im Geiste dieser Harmonie wollte manch einer wohl auch die zweite, philosophisch interessantere Errungenschaft jener Jahre verstanden wissen – die verständigungsorientierende Kraft des besseren Arguments in einem ideal vorgestellten, doch bitteschön recht übersichtlichen Diskurs. Die Idee dahinter: Weil alle Gesprächsteilnehmer*innen sich bereits implizit und immer schon auf Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit verpflichtet haben, birgt der vernünftige Diskurs karamellbonbongleich das Versprechen auf eine zutiefst verlässliche Welt, in der das Gute und Wahre und Schöne letztlich siegen werden. Oder kürzer: Immer schön wahrhaftig bleiben, dann klappt’s auch mit der Verständigung. Prost! Das Problem mit dieser Verheißung (»Der Diskurs, der Diskurs, der hat immer recht!«) ist nicht einmal, dass sich derart ideale Sprechsituationen auf *gida-Demonstrationen oder bei Vorstandssitzungen der Deutschen Bank offensichtlich nie ergeben – Diskurse werden in der praktischen Durchführung gerne mal willkürlich boykottiert oder verzerrt. Was die vermeintlich einvernehmliche Tanzveranstaltung so empfindlich stört und zum Reflexionslimbo unter Frau Langes Tresen nötigt, ist die Frage: Woher kann ich wirklich wissen, wer ich bin?

Hang over

Diese Ernüchterung hat der um umfassende Erläuterungen nie verlegene Marx in etwa so auf den Punkt gebracht: Das Sein bestimmt das Bewusstsein, aus einem verkehrten Sein resultiert also auch ein verkehrtes Bewusstsein, wovon das Bewusstsein aber noch nichts weiß, da es vom Goldglanzpapier des schönen Scheins geblendet ist. Nur Bares ist Wahres, weil bloß der Schein zählt und niemand mehr hinter dem schnöden Mammon die echten Werthe zu sehen vermag. Wenn die verkehrten Verhältnisse im Sein das Bewusstsein verkehren, dann muss sich das Bewusstsein kritisch zum eigenen Bewusstwerden verhalten und den Schein der schönen Verhältnisse entlarven. Egal, ob man das nun versteht oder nicht – das Ganze ist so oder so furchtbar anstrengend und erfordert ein gerüttelt Maß an münchhausengleicher Selbstaufklärung. Denn wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, das Bewusstsein aber zugleich kritisch auf das Sein zu blicken hat, jedoch im Schein des Verblendungszusammenhangs den eigenen Scheinwerfer nicht mehr sieht – wer soll dann noch wissen, was wirklich authentisch ist?

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Marx und Engels haben diese Schwierigkeit behoben, indem sie als real existierende Bürgerliche einfach mal behaupteten, auf jeden Fall in intellektueller Hinsicht schon waschechte proletarische Revolutionäre zu sein, wodurch sie sich ganz nebenbei als wahre Philosophen erwiesen haben. Dieser Trick ist zwar nicht ganz koscher, trägt aber zur Bewusstseinserweiterung bei und ist allemal authentischer, als sich in spießiger Vertrauensseligkeit ein Versöhnungsbonbon nach dem anderen in den Mund stecken zu lassen. Was können nun Träger pi-pa-postmoderner Bewusstseinszustände daraus in puncto Authentizität lernen? Da das eigene Selbstverständnis in Zeiten popkultureller Aufmerksamkeitslogik wesentlich durch die Anerkennung durch andere bedingt ist, kann als authentisch nur gelten, wer dieses kreditable Zugeständnis erhält, wobei die Währung für credibility keineswegs stabil, sondern oft genug spekulativer Natur ist. Um dieser verwirrenden credibility trap zu entgehen, empfiehlt sich eine (kultur-)kritische Sonnenbrille und ein unbestechlicher Blick: Denn Sch* bleibt Sch* – auch und gerade, wenn er vorgibt, authentischer Sch* zu sein.

Foto: Falk Bornmüller

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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