Authentizität | Hello?

Das Musikmagazin Rolling Stone, seit jeher um ehrlichen Rock’n’Roll bemüht, hat jüngst mit zwei spektakulären Glanzfotos aus ganz anderen Genres für Furore gesorgt: Das eine zeigt US-Schauspieler Sean Penn bei einem geheimen Interview mit dem aus dem mexikanischen Gefängnis entflohenen Drogenboss Joaquín Guzmán. Auf dem anderen Bild ist Glamour-Popikone Adele zu sehen, die man zunächst gar nicht erkennt, weil sie eben erst – total »natürlich« – aus der Dusche zu kommen scheint. Die Konstellation dieser Shootings offenbart das dreifache Problem derzeit im Trend liegender Authentizitätsbedürfnisse.

Stranger than paradise

Das Adele-Cover hat in postfeministischen Kreisen zu einem jubelierenden #Aufschrei geführt. Man sieht das »ungeschminkte« Gesicht der überaus sympathischen Sängerin (deren Make-Up sonst eher wie gespachtelt wirkt). Man sieht ihre ungestylten Haare, den geschlossenen Kragen eines wenig glamourösen Frottee-Bademantels und ein wie mit Kuli hingekritzeltes Tattoo (»Paradise«). Total authentisch und mithin »privat« wirkt das und scheint damit – passend zur Homestory im Heft – die klassische feministische Einsicht zu bestätigen, dass das Private politisch ist: Die (nach-)lässige Natürlichkeit des Fotos sei »mutig«, so war im Netz zu lesen, weil sich ein Star »ohne den Anspruch auf Sexiness« zeige und damit der von männlichen Blicken dominierten Popkultur subversiv den Körper verweigere.

adele

Abgesehen davon, dass fraglich ist, wem überhaupt, wenn nicht vor allem jungen Mädchen, die sonstigen Bravo-Hochglanzvisagen weiblicher Popstars zusagen, ergibt sich so das erste philosophische Problem: Wie authentisch kann eine derart inszenierte Authentizität sein? Wird hier nicht eine vermeintliche Maskenlosigkeit am Ende selbst zur Maske? Und ist die damit verknüpfte Botschaft »Sei authentisch!« performativ weniger widersprüchlich als die Werbeslogans »Sei spontan!« oder »Be unique!«?

Zertifizierte Echtheit

Der Authentizitätsbegriff ist heute meist ein konsumanregendes Marketingtool: authentisch wirkende Stilmöbel, authentisch zubereitete Speisen aus fremden Kulturen, authentisch gebliebene Feriendomizile, authentischer Rock’n’Roll. Stets wird eine »Ursprünglichkeit« und »Unverfälschtheit« der feilgebotenen Ware behauptet. Auf den Menschen übertragen, zielt das Echtheitszertifikat primär auf eine Unverfälschtheit der Performance einer Person: Authentisch ist, wer nach außen hin so auftritt, wie er sich selbst nach innen hin anfühlt.

Das Ich als Fernbeziehung

Ein wenig Textanalyse: Adele beginnt ihre aktuelle Smash-Hit-Schmonzette mit den Worten »Hello, it’s me«. Im Original, und zwar bei Lionel Richie, hieß es noch: »Hello, is it me you’re looking for?“. Mit dieser Verkehrung eine Frage (»Bin ich es, den du suchst?«) in eine Postulat (»Ich bin es!«) tut sich ein authenticity-gap auf, der intersubjektive Ich-Identitätstheorien der 1980er Jahre von so mancher Identitätsillusion der Gegenwart trennt. Gemeinsam ist beiden Songs zunächst dies: Die Protagonisten telefonieren. Der zärtliche Lionel ist sich aber bewusst, dass man zum »wahren« Authentischsein die intime Gegenwart einer anderen Person benötigt. Um es mit Hegel zu sagen: Liebe ist, »im Anderen bei sich selbst sein«. Adele hingegen ist die authentisch sich selbst behauptende Person (»It’s me«) gerade dadurch, dass sie unwiderruflich in Trennung lebt (sie quatscht dem Ex-Lover offenbar ständig auf die Mailbox). Was sagt uns dies über heutige Authentizitätsbemühungen?

Echt einsam

Das Cover-Foto zeigt vor allem eines: eine selbstbewusste junge Frau, die (anders als die »echte« Adele Adkins) auf authentische Weise privat, und zwar im Sinne von allein ist. Adele inszeniert sich, wie im Song, als Single, der bzw. die sich selbst »Guten Morgen!« sagt und damit die (irrige) Botschaft aussendet: Ich brauche niemanden, um »ich selbst« zu sein. Und doch wirkt sie dabei etwas traurig und einsam, oder? Dies ist das zweite philosophische Problem: Das heutige Authentizitätsbemühen hat etwas zutiefst Ambivalentes, und es erinnert an Rousseau und Sartre, denn man hofft auf eine Echtheit in Unabhängigkeit von entfremdenden Blicken anderer und bleibt dabei doch stets von deren bestätigenden und damit identitätssichernden Rückmeldungen abhängig. Die Mailbox reicht da eben nicht.

Auf frischer Tat ertappt

Das dritte Problem zeigt sich, wenn man dem griechischen Wortstamm der Authentizität nachspürt und das zweiten Foto hinzunimmt: Mit authéntēs war ursprünglich derjenige gemeint, »der die Tat, den Mord begangen hat«. Es handelt sich um eine kriminologische Kategorie. Sie diente – und dient auch heute – primär dazu, den »Urheber« von etwas dingfest zu machen. Auch in dieser Hinsicht ist der Begriff nicht ambivalenzfrei. Drogenboss Guzmán übrigens wurde kurz nach dem Interview verhaftet. Er hatte sich von diesem Treffen eine etwas »authentischere« Außenwahrnehmung seiner Person erhofft. Das Team der Rolling Stone hatte dann aber vor allem die Ermittler auf seine Spur gebracht – wie zum Beweis dafür, dass das Bemühen um Authentizität in neue Unfreiheit umschlagen kann.

Foto: Rolling Stone

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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