Authentizität | Großes Theater

Authentizität hat einen schweren Stand. Das liegt nicht nur daran, dass sie als Wort kaum auszusprechen ist. Vielmehr handelt man sich, sobald man dieses Wort auch nur in den Mund nimmt, den Vorwurf ein, sich eines »Jargons der Eigentlichkeit« zu bedienen, wie Adorno das ausgedrückt hat. Erhabenheit, seelische Gelassenheit, innere Verfasstheit und eben Authentizität – alles Vokabeln einer verblendeten, latent schwermütigen Ideologie, die einem von der Leichtigkeit des Lebens entfremdet und die tendenziell gefährlich ist.

Statisten der Weltbühne

Wir sollten endlich einsehen, so lässt sich die authentizitätsfeindliche Position weiterspinnen, dass wir alle nur Theater spielen. Diese These hat der Soziologe Erving Goffman mit seinen langjährigen Beobachtungsstudien für immer in unsere Köpfe gehämmert. Berühmt geworden ist Goffman damit, dass er so lange in einem Hotel gewohnt hat, bis ihn die Angestellten gar nicht mehr wahrgenommen haben. Das hat es ihm ermöglicht, genau zu beobachten, wie diese Angestellten ständig ihre Rolle wechselten – je nachdem, ob Gäste, Vorgesetzte, Kolleg*innen oder Konkurrent*innen zugegen waren. Sie waren wie Schauspieler*innen, die ihre Rolle stets dem veränderten Set angepasst haben. Das Ergebnis dieser berühmten Studien leuchtet uns heute sofort ein. Wir alle kennen solche Rollen und sind sensibel für sie. Auf der Arbeit, bei den Freunden, zuhause, beim Sport, im Supermarkt, auf dem Amt, in der Kirche, in der Bar, bei der Ärztin – immer verhalten wir uns anders. Daraus folgt: Wir alle sind Schauspieler*innen auf der großen Weltbühne – zugegebenermaßen zumeist eher in der Rolle eines Statisten.

Theater

Doch bedeutet das auch, dass es so etwas wie Authentizität gar nicht gibt? Wohl kaum! Es gibt doch stets Rollen, in denen wir uns wohler führen als in anderen. Und es gibt Rollen, die uns schwer fallen. Warum ist das so? Wir versuchen zumeist, jeder Rolle ein Stück unserer Persönlichkeit einzuschreiben. Das ist es auch, was es uns ermöglicht, authentisch zu bleiben, obwohl wir ständig verschiedene Rollen spielen. Wir – oder die meisten von uns – verfügen über einen festen Persönlichkeitskern, den wir nicht aufgeben wollen und den wir all diesen Rollen gerade nicht opfern werden. Wer das doch tut, der wird eben unauthentisch. So ist es bei den ganz unauthentischen Kunstfiguren wie Ziggy Stardust oder Horst Schlämmer. Die Schauspielerei eines Schauspielers unterscheidet sich von unserer alltäglichen Schauspielerei gerade dadurch, dass Profis wie Hape Kerkeling und David Bowie es schaffen, in ihren gespielten Rollen ihre eigene Persönlichkeit selbst in ihrem Kern zum Verschwinden zu bringen; zumindest wenn sie gut sind.

Balancierter Persönlichkeitskern

Alltagstheater und Authentizität schließen sich also nicht aus. Wenn wir den Kern unserer Persönlichkeit nicht aus dem Blick verlieren, dann sorgt er für die richtige Balance. Doch man darf es mit diesem Persönlichkeitskern auch nicht zu weit treiben und dem Eigentlichkeitsgefasel des Existentialismus nicht auf den Leim gehen. Es ist nicht so, dass wir in uns hineinforschen und aus dem Kaffeesatz unserer Erinnerungen, Stimmungen und Gefühle diesen Persönlichkeitskern herauslesen müssen. Er besteht vielmehr aus ganz alltäglichen, aber dauerhaften Wünschen, Zielen, Interessen, aus Beziehungen, Gütern und Tätigkeiten, die uns wirklich wichtig sind. Zu einem Teil haben wir Kontrolle über diese Dinge, wir können sie fallen lassen und durch andere ersetzen. Zum anderen Teil sind sie uns mitgegeben und gar nicht oder kaum verfügbar. Aber nie begegnet uns unser Innenleben in einer fertigen, unveränderlichen und nur noch zu entdeckenden Gestalt.

Zwei Gefahren

Man sieht hier: Wahre Authentizität bewegt sich stets zwischen charakterloser Scharlatanerie und existentialistischem Persönlichkeitsessentialismus. Beides wäre unauthentisch – das eine völlig sinnentleert und das andere ungemein aufgeblasen. Der schwere Stand, den die Authentizität heute hat, erscheint vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sie uns vor beidem bewahren soll, somit leicht bedauerlich. Ihre Aufgabe und die soziale Funktion eines Diskurses über Authentizität bestehen gerade darin, uns vor Menschen zu bewahren, die entweder Chamäleons oder narzisstische Egozentriker sind. Wir sollten mehr über Authentizität reden, z.B. bei Politiker*innen.

Foto: Thomas8047, www.flickr.com, CC BY 2.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

Ein Kommentar

  1. Hanne E. Pollmann · Januar 27, 2016

    Ich finde es schwierig, die Authentizität anderer, besonders derjenigen im öffentlichen Raum, zu erkennen. Auch ich wäre gerne immer „ganz bei mir“, doch weiß ich sicher, wer ich bin, sein will, sein soll… Nehmen wir die Politik, da glaube ich, Merkel und Gabriel können nicht anders.