Authentizität | Hang on to yourself

Nachdem wir in der letzten Themenrunde, in der es um gute Vorsätze ging, viel über Lemmy Kilmister schrieben, liegt es nahe, das aktuelle Thema Authentizität am Beispiel der anderen beiden Rocklegenden zu erörtern, die uns jüngst, aber leider für immer verlassen haben: Achim Mentzel und David Bowie. Denn nur wenige popularmusikalische Stars von Weltniveau verfolgten so gegensätzliche, aber zugleich erfolgreiche Strategien, ihre Authentizität unter den erschwerten Haftbedingungen des globalen Ruhms zu wahren.

Hinter deinem Schleier lockt ein Abenteuer

Authentizität ist ein Kind der Romantik mit vielen Gesichtern – und vermutlich nicht minder vielen Versuchen, es zu definieren. Wollen wir uns jetzt auf eine recht handliche Definition dessen stützen, was wir mit »Authentizität« meinen, wenn wir von einzelnen Menschen sagen, sie seien authentisch, so lässt sich das aber dennoch relativ kurz und schmerzvoll bewerkstelligen. Unsere nicht gerade überkomplexe Begriffsbestimmung besagt dann: Authentizität meint so etwas wie die Echtheit der Person. Peppt man das Wort »Echtheit« nun noch ein bisschen romantischer auf, kann eine authentische Person allerdings nicht ein echt fremdbestimmter, echt angepasster und echt unaufrichtiger Mensch sein. Vielmehr muss »Echtheit« jetzt die echt original individuell existenzialistische Eigentlichkeit jeder menschlichen Person meinen.

Changes

Sieht man die Sache mit der Authentizität durch die romantische Brille, dann ist man als Laie nun vermutlich nicht überrascht, dass ich Achim Mentzel als Beispiel nenne. Laienhaft überrascht mag man indes sehr wohl darüber sein, dass auch David Bowie hier Erwähnung findet. Denn Bowie war ja so eine Art Lady Gaga, lange bevor Madonna das Licht der Bühne erblickte. Er erfand nämlich immer wieder neue schillernde Maskeraden für sich, die er dann auch noch in aller Öffentlichkeit präsentierte. Der Bowie war einfach nicht zu fassen und in keine stilistische Schublade zu stecken; wie jetzt überall zu lesen stand.

Hier Kommt Euer Achim

Den Achim Mentzel hingegen konnte man ziemlich leicht zu fassen kriegen. Denn der stand mit Name und Nummer im Telefonbuch von Cottbus. Und überhaupt wirkte dieser stets heiter glucksende Nager mit dem Toupet Tony Marshalls, der weder sich noch sein Publikum mit gutem Geschmack behelligte, wie die menschgewordene Manifestation des Imperativs »Sei Du Du!«. Warum nicht dieser König der DuDus, sondern Kate Moss die Plakate zierte, mit denen uns Calvin Klein dazu aufforderte, einfach zu sein, werden allerdings künftige Historiker*innen klären müssen. Denn ich will dem Laien jetzt stattdessen vor Augen führen, weshalb David Bowie keineswegs eine weniger authentische Person war als Achim Mentzel (obwohl Bowie zugegebenermaßsen nicht im Telefonbuch von Cottbus stand).

Ziggy Mentzel

Obgleich es überhaupt kein Argument ist, aber den Laien stets beeindruckt, wenn man ein wenig in der Begriffsgeschichte herumschnüffelt, will nun auch ich einen solchen etymologischen Taschenspielertrick anwenden, um nicht in den pennälerhaften Tiefen dieser philosophischen Pfütze der Authentizität versinken zu müssen. Der Trick beginnt damit, dass ich — wie zufällig — eine äußerst gelehrt wirkende Bemerkung fallen lasse. Diese besagt, dass sich das deutsche Wort »Person« entweder vom lateinischen Wort »persona« oder vom etruskischen Wort »phersu« herleitet, welche beide in ihrer jeweiligen Sprache »Maske« bedeuten. Und nun beginnt das gänzlich assoziative und auch etwas gedankenflüchtige Brodeln im Geiste des Laien, der meine wie nebenbei hingeworfene Bemerkung aufgeschnappt hat: »Person? Maske? Person gleich Maske? Authentische Person gleich authentische Maske? Authentische Maske? Maske der echt original individuell existenzialistischen Eigentlichkeit? Häää?« Der Laie ist verwirrt. Und diesen kurzen Augenblick der Unaufmerksamkeit nutze ich nun schamlos aus, um frank und frei und frech die geistige Lücke mit folgender Behauptung zu füllen: Jegliche Authentizität ist nur die Eigentlichkeit der Maske!

Heroes

Zack, das hat gesessen! Voll auf die Zwölf! Und fast unmittelbar nachdem der intellektuelle Schmerz nachgelassen hat, setzt sofort der hermeneutische Rätselspaß ein. Denn nicht nur der Laie fragt sich jetzt augenblicklich: »Ja, was soll das denn überhaupt bedeuten, dass jegliche Authentizität nur die Eigentlichkeit der Maske sei?« Nun, es bedeutet ungefähr dies: Allein die von ihm frei gewählten und selbst bestimmten Masken machen einen Menschen zum verdienten Helden der Authentizität. Dabei hat es fraglos derjenige sehr viel leichter, dessen natürliche Physiognomie nicht ohnehin an eine Fastnachtsmaske erinnert. Aber bloß, weil es leichter ist, muss es nicht auch schon weniger authentisch sein, mal als Ziggy Stardust, dann wieder als Thin White Duke, zwischendurch als Plastic Soulman und gelegentlich auch als tanzlustiger 1980s-Popper seine glucksenden Runden im Hamsterrad der Popularmusik zu drehen.

Fotomontage: Thomas Hoffmann

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

Ein Kommentar

  1. Arnd Pollmann · Januar 23, 2016

    Apropos hermeneutischer Rätselspaß: Und was ist dann mit Sartres Kellner, der beflissen den Kellner mimt? Der müsste dann eigentlich mega-authentisch sein. Ist er aber nicht.