Arm | Bitte gehen sie weiter!

Es gibt unterschiedliche Arten von Armut. Dementsprechend ergibt es auch Sinn, unterschiedliche Begriffe von Armut auseinanderzuhalten. Mal wieder hat sich jedoch – sicher nicht zum letzten Mal – eine Debatte darum entfacht, welche Armut echte Armut ist, und welche eigentlich nicht als Armut durchgehen sollte. Mal wieder wird auf den Unterschied zwischen absoluter und relativer Armut verwiesen, und es wird mal wieder unterstellt, dass, wer unter relativer Armut leidet, nicht »richtig« arm ist, sondern eben nur relativ arm. Das ist eine wunderbare Sache für diejenigen, die gesellschaftliche Zustände gern schönreden. Sie müssen nun nicht mehr – wie kürzlich der Präsident des DIHK im Deutschlandfunk – stumpf das Bestehen sozialer Ungleichheit leugnen, sondern dürfen darauf verweisen, dass soziale Ungleichheit nicht auf Armut schließen lässt, weil sie eben nur ein Indikator für die relative – also nicht die eigentliche – Armut ist.

Relativ arm

Echte Armut geht gemäß diesem Einwurf nicht mit der relativen Position einher, sondern liegt in einem absoluten Mangel, der erst dann herrscht, wenn das Einkommen nicht für Nahrung, Kleidung und Obdach genügt. Beispiele für diese Armut finden sich demnach in den Romanen von Zola oder Steinbeck, oder in den Regionen der Welt, in denen es gegenwärtig gut einer Milliarde Menschen brachial am Nötigsten fehlt – aber eben nicht bei uns. So berechtigt die Unterscheidung ist, wirkt diese Verharmlosung relativer Armut jedoch zynisch. Relativ arm ist insbesondere die Haltung derjenigen, die dieses Argument vorbringen.

Alles Unfug?

Relative Armut liegt definitionsgemäß bei denjenigen vor, die über weniger als sechzig Prozent des gewichteten mittleren Einkommens verfügen. Wer nichts für feine Unterschiede übrig hat, unterstellt dieser Bestimmung von Armut gern, dass sie in jede Gesellschaft Armut hineindefiniert, in der keine vollkommene Gleichheit herrscht. Das stimmt aber nicht. Zugestanden, bereits geringe Ungleichheit bedeutet, dass einige Mitglieder der Gesellschaft schlechter dastehen als andere. Aber nicht jede Gesellschaft muss zulassen, dass diejenigen, die sich dort unten wieder finden, weit hinter der gesellschaftlichen Mitte zurückbleiben. Andere Skeptiker bringen vor, dass eine Armutsdefinition nichts taugt, in der eine gleichmäßige Vervielfachung des Einkommens die Armut nicht beseitigen würde. Dieser Einwand unterstellt, dass man sich eine Vorstellung davon machen kann, was das doppelte Einkommen eines Einzelnen in einer Gesellschaft bedeutet, in der alle das doppelte Einkommen zur Verfügung haben. Das mathematische Glasperlenspiel der Einkommensvervielfältigung verrät jedoch kaum etwas über ihre wahrscheinlichen Auswirkungen, etwa auf prekäre Arbeit, räumliche Segregation oder soziale Exklusion.

Relativität und Relationen

Finden wir uns damit ab: Armut ist ein relationaler Begriff. Wer versucht, die Rede von der relativen Armut in die Bedeutungslosigkeit zu manövrieren, der ignoriert, dass bereits die bloß relative Zurücksetzung von Personen absolute Erwartungen und Bedürfnisse enttäuscht. Das relative Einkommen erfasst dies nicht unmittelbar, es ist aber gleichzeitig kein sonderlich schlechter Indikator, weil viele Formen der gesellschaftlichen Teilhabe ohne Geld nicht zu haben sind. Diese relationalen Aspekte der Gesamtverfassung einer Person sollten – gern ohne Umweg über den Vorwurf der Weinerlichkeit – ernst genommen werden. Es ist zwar sinnvoll, zwischen den Folgen sozialer Ungleichheit einerseits und Aspekten physischen Mangels andererseits zu unterscheiden und diese als unterschiedliche Ausprägungen von Armut zu begreifen. Aber an dem Punkt, an dem der Verweis auf Armut nur noch dann zulässig ist, wenn nicht nur ausgegrenzt, sondern auch gefroren, gehungert und gestorben wird, sollten wir einschreiten. Wer glaubt, in Fragen sozialer Ungleichheit den Rekurs auf Armut vermeiden zu dürfen, weil diese bloß relativ ist, darf sich nicht beschweren, wenn ihm Dummheit oder Kalkül unterstellt werden.

Foto: Simon Derpmann

Zur Person Simon Derpmann

Simon Derpmann arbeitet am Philosophischen Seminar in Münster. Gegenwärtig versucht er, besser zu verstehen, was Geld ist, was wir damit anstellen sollten, und was es mit uns anstellt.

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