Arm | Absolut reich und relativ arm

»Relativ« arme Menschen sind gar nicht arm, so hört man immer wieder. Vielleicht sind sie ein klein wenig arm, aber jedenfalls nicht richtig arm und keinesfalls so total arm, wie absolut arme Menschen. Der unvermeidliche Verweis auf die viel ärmeren, absolut armen Menschen ist das eine Holzfällerargument, das immer wieder daher geplappert wird, um relative Armut klein zu reden: »Es gibt da Leute, denen geht es noch dreckiger als Euch, stellt Euch also nicht so an!« Dieses Pseudo-Argument ist aber so schlimm, dass man sich besser gar nicht damit auseinandersetzt. Der andere argumentative Knüppel gegen relative Armut ist etwas gewiefter und beruht auf einem scheinbar unschlagbar logisch daherkommenden Gedankenexperiment, das den paradoxen Charakter relativer Armut entlarven will: Wenn alle gleich viel, wirklich ganz viel reicher werden, dann sind ja plötzlich auch die vorher relativ armen Menschen reich. Gleichzeitig bleiben sie aber auch relativ arm. Reich und arm zugleich zu sein, das geht jedoch wirklich nicht, so die bestechende Logik.

Von Mäusen und Menschen

Genau an dieser Stelle der scheinbar so glasklaren Beweisführung schleicht sich der Denkfehler ein. Natürlich kann man gleichzeitig reich und arm sein. Man kann ja auch gleichzeitig klein und groß sein. Im Vergleich zu Mäusen beispielsweise sind die meisten Menschen ziemlich groß. Im Vergleich zu Elefanten jedoch sind dieselben Menschen eher klein. Immer also kommt es auf den jeweiligen Vergleichsmaßstab an.

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Das gilt auch für Reichtum und Armut, die sich stets nur relativ auf einen Maßstab bestimmen lassen. Die Rhetorik der absoluten im Gegensatz zur relativen Armut leidet darunter, dass sie genau diesen Umstand verschleiert. Auch absolut arme Menschen sind relativ zu einem normativen Maßstab arm: Sie haben zu wenig Einkommen, um ihre physische Existenz sichern zu können. Relativ arme Menschen sind relativ zu einem anderen Maßstab arm: Sie haben zu wenig Einkommen, um ihre soziale Existenz sichern zu können. Beides bedroht, wie schon Kollege Pollmann richtig bemerkt hat, die Würde der armen Menschen.

Arme reiche Bundestagsabgeordnete

Deswegen ist Armut, egal ob relativ oder absolut, ein ernst zu nehmendes Problem. Leider scheinen sich zumindest einige Politiker_innen zu weit von der realen Gefahr des sozialen Ausschlusses entfernt zu haben, um diese traurige Wirklichkeit noch erkennen zu können (siehe »The Return of  Birne« und »Widdewidde wie sie mir gefällt«). Das ist aber nicht ihre Schuld. Bundestagsabgeordnete mit ihren Diäten von mehr als 9.000 Euro und einer zusätzlichen Kostenpauschale von über 4.000 Euro monatlich sind natürlich nicht relativ arm. Sie sind sogar relativ reich, weil sie über mehr als 200 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen. Abhängig von ihrer Steuerlast beziehen manche netto sogar mehr als 500 Prozent des Durchschnittseinkommens. Bei so viel relativem Reichtum kann der Blick für die Realitäten relativ armer Menschen schon einmal verloren gehen. Ohnehin sind Bundestagsabgeordnete ein gutes Beispiel für die Gleichzeitigkeit von Reichtum und Armut. Im Verhältnis zu den meisten Bundesbürgern und erst recht Bürgerinnen sind sie relativ reich. Wahrscheinlich sind sie sogar absolut reich, denn sie können sich fraglos alles leisten, was man für ein anständiges oder sogar gutes Leben braucht, wie Kollege Hoffmann weiß. Im Vergleich zu den Wirtschaftsbossen, mit denen sie in Aufsichtsräten und andernorts zu tun haben, sind sie jedoch relativ arm. Kurzum: Sie sind reich und arm zugleich.

Geistloses Streben nach Reichtum

Bleibt zu hoffen, dass unsere Politiker_innen mit dem Paradox ihrer Existenz zu leben lernen. Abgesehen davon steckt in der kleinen Geschichte der Gleichzeitigkeit von Reichtum und Armut sogar eine echte Lektion: Kollektiv streben wir offenbar immer weiter nach absolutem Reichtum, um der relativen Armut zu entkommen oder von ihr verschont zu bleiben. Das ist keine Überraschung, denn relative Armut als Bedrohung der sozialen Existenz und Würde gilt es natürlich zu vermeiden. Dafür nehmen wir alle nur denkbaren sozialen und ökologischen Schäden in Kauf und opfern sogar die Zukunft unserer Kindeskinder. Wenn – und vielleicht sogar nur wenn – wir die relative Armut erfolgreich bekämpfen, werden wir hoffentlich auch dieses geistlose und rücksichstlose Streben nach immer mehr Reichtum los.

Foto: bunnyfrosch, http://de.wikipedia.orgCC BY-SA 3.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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