Arm | The Return of Birne

Der größte Rheinland-Pfälzer aller Zeiten wusste es bereits vor nunmehr fast schon 30 Jahren: »Die neue Armut ist eine Erfindung des sozialistischen Jet-sets« (STERN, 24.6.1986). Denn er wusste auch: »Entscheidend ist, was hinten rauskommt« (DER SPIEGEL, 3.9.1984). Was aber vermutlich nicht einmal er selbst damals schon wissen konnte, war dies: Pünktlich zu seinem 85. Geburtstag hat sich eine fast schon ebenso große Landestochter daran gemacht, ganz im Geiste des Oggersheimer Orakels, erneut die Armutsfrage zu stellen. Und das Beste daran: Sie kommt, wenn auch nicht unbedingt aus dem sozialistischen Jet-set, so doch zumindest von den Sozen!

Grand Tourisme Injection

Die amtierende Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, hat der Süddeutschen Zeitung (27.3.2015) neulich ein Interview gegeben, in welchem es ihr nicht nur gelingt, sich stilistisch als neuer Problembär der SPD zu profilieren. Vielmehr schafft sie es auch, die saumagische Selbstzufriedenheit eines Einheitskanzlers mit der mittelklassigen Bodenhaftung eines Golf GTI zu einem so mediokren Provinz-Spießertum zu verbinden, dass daneben selbst ihre Vorgesetzte als wildes Glamourgirl durchgeht. Und als wäre das nicht schon genug, bringt Nahles es zudem noch fertig, etwas theoretisch zwar Richtiges, aber praktisch völlig Irrelevantes zum Thema Armut zu sagen – und dabei etwas gänzlich Falsches zu implizieren.

Relative Poverty Injection

Das theoretisch Richtige ist dies: Die Bestimmung von Armut in der Bundesrepublik Deutschland beruht auf dem Begriff der relativen materiellen Armut. Dabei stützt sich diese Bestimmung auf eine Formel, wonach als arm gilt, wer weniger als 60% des statistisch mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Bliebe es allein bei dieser Formel, so Nahles im besagten Interview, wäre es nun aber einerlei, ob – bei gleichbleibenden Lebenshaltungskosten – das mittlere Einkommen in der Bundesrepublik, z.B. im nächsten Jahr, »explodiert« und um das Hundertfache ansteigt oder nicht. Denn käme es allein auf die 60%-Formel an, hätte eine Person, die gegenwärtig etwa 299,- Euro pro Monat zur Verfügung hat, zwar im nächsten Jahr 29.900,- Euro pro Monat zur Verfügung, müsste aber dennoch weiterhin als arm gelten. Einkommensschere hin oder her: Es wäre vollkommen absurd, jemanden ernsthaft als »arm« zu bezeichnen, der bei den heutigen durchschnittlichen Lebenshaltungskosten 29.900,- Euro pro Monat zur Verfügung hätte. So jemand wäre vielleicht, relativ gesehen, nicht ganz so reich wie sein statistisch gemittelter Mitbürger, aber arm wäre er ganz gewiss nicht – folgt man unserer gewöhnlichen Verwendung des Wortes.

Absolute Poverty Injection

Was dieses ganz und gar kontrafaktische Gedankenexperiment angeht, muss man Andrea Nahles wohl unumwunden Recht geben. Und man kann vielleicht sogar der Ansicht sein, dass die Fixierung auf einen so bestimmten relativen Armutsbegriff die Gefahr in sich bergen würde, die existenzbedrohende Bedürftigkeit von Menschen aus den Blick zu verlieren, die unter absoluter Armut leiden, weil sie weniger als 1,25 US-Dollar-Kaufkraft pro Tag zur Verfügung haben. Aber selbst dann, wenn man all dies zugibt, stellen sich mit Blick auf Nahles’ Dampfplauderei über Armut dennoch sofort zwei Fragen. Erstens: Welcher auch nur halbwegs vernünftige Ökonom befürwortet es überhaupt noch, relative Armut allein in der hier beschriebenen Weise zu bestimmen? Und zweitens: Was soll uns eigentlich das völlig unrealistische und vollends kontrafaktische Gedankenexperiment der explodierenden Einkommen sagen?

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Wenn wir hier nach Antworten suchen, drängt sich der dunkle Verdacht auf, dass Nahles mit ihrem Interview-Geplauder etwas ganz anderes bezweckt als bloß einige theoretisch mehr oder minder interessante Anmerkungen zu statistischen Berechnungen. Der Zweck, den sie mit ihrem Gedankenexperiment verfolgt, könnte nämlich darin bestehen, den Begriff der absoluten Armut gegen den der relativen Armut auszuspielen, um so nahezulegen, dass unter den gegenwärtig faktisch bestehenden bundesrepublikanischen Verhältnissen relativ arme Menschen eigentlich gar nicht wirklich arm seien. Sollte es Nahles’ Absicht gewesen sein, dass das hinten rauskommt, so hätte sie inzwischen tatsächlich schon das Format des größten Rheinland-Pfälzers aller Zeiten erreicht.

Foto-Collage: Thomas Hoffmann

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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