Angry Young Men | Die Versuchung der Gewalt

Die Medien berichten, dass wütende junge Männer Bomben werfen, in den nur vermeintlich heiligen Krieg ziehen, Flüchtlingsheime oder mindestens Autos anzünden und, wie neulich in Köln, Frauen belästigen. In jüngster Zeit werden aus wütenden jungen Männern immer häufiger arabischstämmige junge Männer. Kritische Beiträge reagierten darauf mit der Feststellung, dass natürlich nicht alle arabischstämmigen jungen Männer gewalttätig sind, die gewählte Klassifizierung also zu unspezifisch sei.

Look who’s talking

Mir scheint, das Gegenteil ist der Fall: die Klassifizierung ist zu spezifisch. Denn indem wir Gewalt vor allem wütenden jungen Männern zuschreiben, können »wir anderen« uns beruhigt zurücklehnen: Die sind gewalttätig. Wir nicht. Wir können die Gewalt gewissermaßen aus einer Außenposition heraus verurteilen – und damit zugleich, wie Émile Durkheim betont hat, die Geltung ebenjener Normen bestätigen, gegen die jene wütenden jungen Männer verstoßen haben. In Abwandlung eines Zitats von Zygmunt Bauman wird aus der Gewalt so ein »gerahmtes Bild an der Wand, das von seiner Umgebung fein säuberlich getrennt ist und mit dem Rest des Mobiliars nichts zu tun hat«.

Fingers_Point

Doch was hat die Gewalt mit uns zu tun? Auch wenn Gewalttaten statistisch gesehen häufiger von Menschen begangen werden, die die Merkmale »jung« und »männlich« aufweisen, werden doch auch junge Frauen, ältere Frauen oder ältere Männer gewalttätig. Prinzipiell kann jede/r gewalttätig werden. Der Gewalt wohnt, so die im Folgenden zu belegende These, eine Versuchung inne, mit der wir uns alle und anders als bisher auseinandersetzen sollten, wenn wir dem Phänomen der Gewalt auf die Spur kommen wollen.

Die Attraktion der Grenzenlosigkeit

Jan Philipp Reemtsma hat in seinem Abschiedsvortrag (»Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet«) am Hamburger Institut für Sozialforschung behauptet, dass wir so schnell nach dem Warum, nach den hinter der Gewalt liegenden Gründen fragen, weil dadurch das eigentlich Offensichtliche verrätselt wird, nämlich die Tatsache, dass Gewalttätige tun wollen, was sie tun. Gewalt sei attraktiv, weil ihr ein Moment der Versuchung durch Grenzenlosigkeit innewohnt, weil Gewalt äußerste Macht gewährt, die sich genau erst dann erweist, wenn sie grenzen- und rücksichtslos ist. Reemtsma sieht in der Art der Verurteilung dieser Gewalttaten und der rhetorischen Abwehr des »Abschaums«, den man in Frankreich gerne »wegkärchern« wollte, das Unbehagen unserer Gesellschaften in der Zivilisation aufscheinen: die Abwehr der inhärenten Möglichkeit, dass jeder Versuch von Ordnung untergraben werden kann. In der Art der Abwehr zeige sich zugleich das unterdrückte Begehren ebenjener Grenzenlosigkeit und Macht. An die Stelle der Stabilisierung, vielleicht gar Steigerung dessen, was Hegel Sittlichkeit nenne, trete die Steigerung der Erlaubnis, das alles zum Teufel zu schicken.

Sinnsuche

Für Reemtsma folgt daraus, dass wir Gewalt nicht mehr erklären, sondern nur noch beschreiben sollen. Und für seinen Nachfolger am HIS, Wolfgang Knöbl, folgt daraus, dass wir uns nicht mit jenen etablierten, aber unbefriedigenden Erklärungsversuchen zufrieden geben sollten, die auf soziostrukturelle Merkmale (»jung«, »männlich«, »arm«), ritualisierte Kontexte (»Spektakel«) und den von Tätern im Anschluss an ihre Taten häufig angeführte fehlende Anerkennung durch Andere verweisen. Stattdessen sollte die Sozialforschung – wie es in der jüngeren Gewaltforschung beispielsweise von Jack Katz und Ferdinand Sutterlüty vorgeführt wird – in einem ersten Schritt moralische Fragen ausklammern und erforschen, was genau passiert, wenn jemand gewalttätig wird: Warum erscheint Gewalt – weder vorher, noch nachher, aber doch in diesem Moment – dem Täter/der Täterin als (einzig) sinnvolle Handlungsmöglichkeit?

Teuflisches Aufbegehren

Im zweiten Schritt sollten wir darüber nachdenken, welche Vorstellungen von Sittlichkeit dabei zum Teufel geschickt werden. Geht es – wie Reemtsma nahelegt – um Vorstellungen des Bürgerlichen, die an Überzeugungskraft einbüßen? Sind die Belästigungen von Köln und die anschließende Berichterstattung – wie einige italienische Feministinnen nahelegen – Ausdruck eines Aufbäumens angesichts einer generalisierten Krise des Patriarchats? Die Gefahr bei diesen Fragen besteht sicherlich darin, dass der Bogen von der konkreten Situation zu der Vorstellung von Sittlichkeit, die dabei zum Teufel geschickt wird, reichlich weit gespannt ist. Dem Vorwurf der Spekulation kann nur eine genaue Analyse begegnen – eine Analyse allerdings, die die Täter ernster nimmt, als es die sorglose Zuschreibung der nun einmal wütenden jungen Männer zulässt, und ernster, als vielen von uns lieb sein wird. Und von der Antwort auf diese Fragen hängt ab, inwieweit wir als Gesellschaft den Versuchungen, bestimmte unserer Vorstellungen von Sittlichkeit zum Teufel zu jagen, langfristig etwas entgegensetzen können.

Foto: Quinn Dombrowski, www.flickr.com, CC BY-SA 2.0

Zur Person Hella Dietz

Hella Dietz hat über die gewaltfreie polnische Opposition geforscht und denkt zurzeit über Grundzüge einer narrativen Soziologie nach. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen.

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