Angry Young Men | Gerechte Wut?

Wenn berufsbedingt ziemlich gefühlsverarmte alte oder alt werdende Männer über wütende junge Männer schreiben – nach dem Motto: Angry Young Men vs. Lazy Old Bastards –, dann kann das nur schiefgehen. Nachdem das von Anfang an geklärt ist, fällt es mir umso leichter, einen etwas absurd anmaßenden Vorschlag dazu zu machen, wie sich die Wut junger Männer besser beurteilen lässt. Das ist nämlich ein großes Problem: Einerseits neigen die wutentbrannten Halbstarken dazu, immer wieder mal sehr verurteilungswürdige Dinge zu tun. Doch das darf man nicht sagen; das wäre nämlich reaktionär. Andererseits kann man die Wut der jungen Männer manchmal schon verstehen. Doch das darf man auch nicht sagen; denn das wäre apologetisch. Am Ende bleibt dann nur betretendes Schweigen, und das ist eigentlich die schlimmste nur denkbare Reaktion. Was also kann man tun?

Ein gerechter Krieg gegen die Gesellschaft?

Ich glaube, man kann den gordischen Knoten lösen, indem man einen leicht wahnsinnigen Gebrauch von der Theorie des »gerechten Krieges« macht und den Knoten damit zerschlägt. Die Theorie des gerechten Krieges definiert sechs Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bevor Staaten so »wütend« sein dürfen, dass sie sogar zu den schwersten Waffen greifen. Das lässt sich auf wütende junge Männer übertragen – zumindest will ich das einfach einmal durchspielen.

aufruhr

Erstens bedarf es einer legitimen Autorität, die den Krieg autorisiert. Diese Bedingung ist auch in der Theorie des gerechten Krieges umstritten. Bei individuellen Akteuren oder Gruppen individueller Akteure macht sie jedenfalls keinen so richtigen Sinn. Im gerechten Krieg bedarf es zweitens der gerechten Absicht: Man muss den Krieg aus den richtigen Gründen führen. Übertragen bedeutet dies, dass die jungen Männer aus den richtigen Gründen wütend sein müssen. Doch was sind diese »richtigen« Gründe? Das ist die dritte Bedingung der Theorie des gerechten Krieges: Es muss um ein schweres Übel gehen. Junge Männer haben oft tatsächlich guten Grund, wütend zu sein, weil ihr Leben häufig ziemlich übel ist. Beispielsweise werden sie ausgegrenzt und finden keinen Job, wenn sie schlecht ausgebildet sind. Obwohl sie gerade erst am Anfang ihres erwachsenen Lebens stehen, haben sie dann keine Chance, jemals das Leben zu führen, das in ihrer Gesellschaft als ein gutes Leben gilt. Das kann schon mal ziemlich wütend machen. Sind sie also in ihrer Wut gerechtfertigt? Führen sie einen gerechten Krieg gegen ihre Gesellschaft?

Ultima Ratio?

Das kommt darauf an, ob sie die anderen drei Bedingungen erfüllen. Die vierte Bedingung des gerechten Krieges lautet, dass dieser einige Aussicht auf Erfolg haben muss. Haben junge Männer mit ihrer Wut eine Aussicht, die Mehrheitsgesellschaft aus ihrem behaglichen Schlummer aufzuschrecken und zum Nachdenken anzuregen? Ja, das haben sie, wie diverse soziale Bewegungen, die von jungen Männern und ebenso von wütenden jungen Frauen getragen wurden, immer wieder mal zeigen. Die fünfte Bedingung des gerechten Krieges besagt, dass er das letzte mögliche Mittel sein muss. Diplomatische Wege beispielsweise müssen sich als fruchtlos erwiesen haben. Auch dieses Kriterium lässt sich zugunsten der wütenden jungen Männer auslegen. In Interessendemokratien mit einer alternden Wahlbevölkerung werden sie die politischen Mehrheiten wohl kaum auf ihre Belange hinweisen können, wenn sie nicht drastisch darauf hinweisen.

Die Falschen im Visier

Ist also alles in Ordnung mit der Wut dieser jungen Leute? Nein, ist es nicht, denn es gibt noch ein sechstes Kriterium. Dieses besteht in der Angemessenheit der Wahl der Mittel. Man darf nicht mit übermäßiger Gewalt agieren. Außerdem muss absehbar sein, dass die Bedingungen der gerechten Kriegsführung auch im Kriegsverlauf eingehalten werden. Dazu gehört es vor allem auch, keine Gewalt gegen unbeteiligte Zivilisten zu richten. An diesem Punkt sind wir bei der massiven Ungerechtigkeit der Wut der jungen Männer angelangt. Mit großer Regelmäßigkeit richten sie ihre Wut gegen die Falschen, und zwar gegen unschuldige Unbeteiligte. Deswegen lässt sich ihre Gewalt auch durch nichts rechtfertigen. Das erlaubt es den alten faulen Männern dann auch, aus ihrem Lehnstuhl heraus diese wütenden jungen Männer zu beurteilen, statt zu schweigen.

Foto: https://commons.wikimedia.org, Public Domain

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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