Angry Young Men | Take Me Back to Dear Old Blighty

Ach, was waren das noch für Zeiten, als zornige junge Männer Theaterstücke und Romane über die entwurzelte proletarische Jugend Nordenglands schrieben! Man erinnere sich nur an John Osbornes »Look Back in Anger« oder Alan Sillitoes »Saturday Night and Sunday Morning«. Vor allem darf man jedoch nicht vergessen, dass der mit Abstand beste aller Angry Young Men eine zornige junge Frau war, nämlich Shelagh Delaney.

Shakespeare’s Sister

Delaneys großartiges Stück »A Taste of Honey«, das 1958 erschien und 1961 mit der nicht minder großartigen Rita Tushingham verfilmt wurde, erzählt die Geschichte der siebzehnjährigen Jo aus Salford, einem Arbeitervorort von Manchester. Erst verlässt Jos Mutter das gemeinsame Heim, dann wird Jo nach einem One-Night-Stand mit einem dunkelhäutigen Matrosen zu allem Überfluss auch noch schwanger. Fortan schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch’s Leben, einzig liebevoll unterstützt von ihrem neuen Untermieter Geoffrey, dem aufgrund seiner Homosexualität die Wohnung gekündigt wurde. Jos Mutter kommt jedoch zurück und ekelt – eifersüchtig und intrigant – Geoffrey schließlich aus dem Haus.

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»A Taste of Honey« behandelte lauter Themen, die in den späten 1950er Jahren nicht anders denn als skandalös gelten mussten: minderjähriger Sex, »interracial« Beischlaf, ledige Mutterschaft, Homosexualität und die Auflösung der Arbeiterklasse in ein entsolidarisiertes Subproletariat. Delaney wollte dies als Rebellion gegen das zeitgenössische Theater in Großbritannien verstanden wissen. Denn dort wurde, wie sie 1960 in einem Interview zu Protokoll gab, nur das »abgesicherte, kultivierte Leben in netten Umgebungen« gezeigt, aber nicht »das Leben, wie es die Mehrheit der gewöhnlichen Leute kennt«. Ebenso wie Osborne und Sillitoe ging es Delaney im Gegenzug darum, das Leben gewöhnlicher Leute darzustellen und damit innerhalb des britischen Kulturbetriebs überhaupt erst zu thematisieren. Ihre zornige Jugendlichkeit bestand also in der darstellenden Thematisierung dieses Lebens und nicht darin, dieses Leben auf möglichst zornige Weise zu leben. Die Art von Zorn, um die es geht, wenn wir von »Angry Young Men« und ebenso von »Angry Young Women« sprechen, ist folglich ein Zorn zweiter Ordnung. Es ist der Zorn darüber, dass bestimmte soziale Missstände nicht thematisiert werden. Aber es ist kein Zorn, der als solcher selbst ein sozialer Missstand ist.

Angry

Zorn, der als solcher selbst ein sozialer Missstand ist, führt nicht dazu, dass man großartige Theaterstücke und Romane über soziale Missstände schreibt. Zorn, der als solcher selbst ein sozialer Missstand ist, kennt überhaupt keine sozialen Missstände, sondern nur die Eigeninteressen des jeweils Zornigen. Denn sein Zorn ist die stumpfe Wut darüber, dass seiner Person und seiner Weltsicht in der Mehrheitsgesellschaft nicht der soziale Status zukommt, der ihnen nach Ansicht des Zornigen gebührt. Ein solcher Zorn entspringt bloß der unreflektierten Frustration, nicht über effektive Machtmittel zu verfügen, um seinen Mitmenschen die Lebensweise aufzwingen zu können, die den Begierden und Überzeugungen des Zornigen entspricht. Und ein solcher Zorn führt lediglich dazu, dass man Menschen krankenhausreif oder tot schlägt, in Konzerthallen, Redaktionsstuben oder Schulen um sich schießt, Flüchtlingsheime in Brand setzt, Polizeiwachen zu stürmen versucht oder in Gruppen Frauen »antanzt«, d.h. vergewaltigt.

Bigmouth Strikes Again

Wenn man denn unbedingt will, kann man derlei als »Rebellion zorniger junger Männer« bezeichnen, da es sich um absichtliche Angriffe auf die Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft handelt. Endlich selbst die Macht ergreifend, setzt sich der junge Mann mit Gewalt über seine Mitmenschen hinweg, um ihnen vom Thron juveniler Überheblichkeit voller Häme zuzurufen: »Ihr könnt mich alle mal!« – bzw. in zeitgemäßer Diktion: »Ich fick’ Euch alle!«. Aber mehr als Tote, Verletzte und Vergewaltigte sowie das daraus resultierende Entsetzen und den daraufhin einsetzenden Ruf nach harter Bestrafung der Täter, können solche »Rebellionen« nicht hervorbringen. Sie erzeugen lediglich neuen Zorn, der als solcher ein sozialer Missstand ist. Denn in all seiner destruktiven Tatkraft bei gleichzeitiger Sprachlosigkeit kann der stumpfe Zorn all jener, die sich zu kurz gekommen wähnen, keine Form der darstellenden Thematisierung sein. Und daher kann er ebenso wenig zum besseren Verstehen beitragen wie er zur Beseitigung sozialer Missstände führen könnte. Das unterscheidet ihn grundlegend vom Zorn zweiter Ordnung der »Angry Young Men« und »Angry Young Women«. Und deshalb sollten wir all die brutalen Idioten, die gegenwärtig unsere Wege kreuzen, auch nicht dadurch adeln, dass wir sie unter einer Bezeichnung fassen, die für eine der besten sozialkritischen Bewegungen in der britischen Kultur des 20. Jahrhunderts steht.

Foto: http://images3.cinema.de

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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