Angry Young Men | Alles scheiße

Während das deutsche Feuilleton noch kopflos über die Ereignisse der Silvesternacht von Köln debattierte, sorgte sich die Bild-Zeitung bereits um den Berliner Mob, der am 1. Mai in Kreuzberg wieder einmal sein rituelles, routiniertes Unwesen treiben wird. Damit wurde ein dubioser, aber durchaus spannender Zusammenhang zwischen zwei recht unterschiedlich anmutenden Gewaltphänomen hergestellt: Man habe, so war im von intellektueller Seite so oft verschmähten Springer-Blatt zu lesen, den zornigen »Durchschnitts-Täter« ermittelt. Dieser sei zu 84 Prozent männlich, meist zwischen 21 und 24 Jahre alt. Er habe trotz mittlerer Reife oder Abitur keinen Job, auch keine feste Freundin, ja, und »92 Prozent von ihnen wohnen noch bei Mutti«.

Backstreet Boys

Es ist in diesem spätpubertären Kreuzberg-Kontext bezeichnend, dass sich die nervös überhitzte Klientel selbst gern als »autonom« deklariert. Zwar scheint sich hier auf kuriose Weise eine fachphilosophische These zu bewahrheiten, die in der angloamerikanischen Autonomie-Debatte derzeit unter dem Stichwort »relational autonomy« abgefeiert wird: Man dürfe echte Autonomie nicht länger liberalistisch, atomistisch und mithin männlich missverstehen, sie sei vielmehr stets nur auf Grundlage stabiler, intimer Bindungen zu haben. Bei genauerem Hinsehen jedoch ist die Selbstkennzeichnung als »autonom« weit eher ein sich selbst gegebenes Versprechen, dass es revolutionär allererst einzulösen gilt: Man statuiert die eigene Autonomie im Vorgriff auf die bald erkämpfte Befreiung aus kapitalistischen, klassenspezifischen, ideologischen und eben auch intergenerationellen Zwängen (allerdings erst nach dem Auszug aus dem Hotel Mama). Aber da sich die Revolution dann doch hinzuziehen scheint, »scheißt« der junge Mann derweil schlicht auf alles, was den eigenen tradierten Status zu fixieren droht.

antifa

Peter Sloterdijk spricht in diesem Zusammenhang treffend, wenn auch ein wenig schroff, von einer »Bastardisierung« des politischen Protestes. Ob in Berlin oder eben Köln oder auch in Leipzig Connewitz (und damit keineswegs nur im linksinfantilen Milieu): Allerorten scheinen junge Männer eine testosterone Trübsal zu blasen, die bisweilen eruptiv in die renitente Aspiration umschlägt, gewaltsam zu einer Delegitimierung der herrschenden Verhältnisse, des bloß Tradierten und Bestehenden beizutragen – wovon man sich offenbar zugleich auch eine Überwindung ererbter Unterprivilegierung und Entrechtung sowie vermeintlich angeborener Statusnachteile und Herkunftsmakel erhofft. Früher nannte man das »halbstark«. Heute stilisieren sich Hip-Hop-geschädigte Muttersöhne demonstrativ zu zwielichtigen »Hurensöhnen«.

Wie man mit dem Hammer demonstriert

Dabei wird vornehmlich zertrümmert, was der herrschenden Gesellschaft besonders wichtig zu sein scheint. Eben das ist der untergründige Zusammenhang halbstarker Muskelspiele zwischen Berlin, Köln und Connewitz, aus dem sich zugleich auch markante Unterschiede in der bockigen Auffassung davon ergeben, wie man den Mitgliedern der herrschenden Klasse am Empfindlichsten »an die Eier« packt: Sind es ihre dicken Autos (Berlin), ihre unartigen Frauen (Köln) oder aber ihre scheinheilig humanistische Moral der Weltoffenheit (Connewitz)? Abgesehen davon, dass diese frustrierten jungen Männer auch spüren, dass das Patriarchat verhätschelter Muttersöhne nicht mehr zu retten ist: In erster Linie wird ein praktischer Nietzscheanismus exekutiert, demzufolge das hegemoniale Wertegerüst einer degenerierten Kultur von Schwächlingen zum Einsturz gebracht werden muss. Oder wie Slavoj Žižek, der ja in Fachkreisen in etwa so beliebt wie die Bild-Zeitung (oder auch Sloterdijk) ist, mit Blick auf Köln sehr plausibel feststellt: Dort wurde ein »Karneval der Underdogs« gefeiert, dessen »furcheintflößende Zuschaustellung von Brutalität« zuvorderst das Ziel verfolgt, »gegen den bürgerlichen Sinn für Anstand zu verstoßen«.

Unzufrieden mit der Gesamtsituation

Jede Analyse greift zu kurz, wenn sie nicht den beinahe orgiastischen Spektakel-Charakter dieser öffentlichen Ergüsse juveniler Zerstörungswut betrachtet. Es geht dabei nur scheinbar um eine spezifisch sexuelle Triebabfuhr (Köln), um anti-kapitalistische Säuberungsaktionen (Berlin) oder auch um national befreite Zonen (Connewitz). Es geht hier vielmehr darum, Angst und ein Gefühl der wachsenden Hilflosigkeit zu verbreiten. Dabei sind die Mitglieder der jeweils einen Gruppierung übrigens genau so wenig »integrierbar« wie die der anderen. Ja, es grenzt an Irrsinn, junge zornige Männer integrieren zu wollen, die beinahe ihre gesamte Identität als »Hurensohn« aus der Weigerung ziehen, sich integrieren zu lassen. Wer derart unzufrieden mit der Gesamtsituation ist, wird sich kaum durch »Integrationskurse« oder vergleichbare Bildungsangebote vom Glück des Dazugehörens überzeugen lassen. Man kann nur hoffen, dass das eine »Phase« ist – oder aber die Polizei rufen. Bis dahin gilt einmal mehr: »Boys will be boys«.

Foto: Arnd Pollmann

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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