Achtsamkeit | Schuldlose Unachtsamkeit

Wenn Onkel Billy in dem alljährlich in die vorweihnachtlichen Wohnstuben gebrachten Filmklassiker Ist das Leben nicht schön? das dringend benötigte Geld der Bausparkasse seines Neffen George Bailey (James Stewart) in der (morally Bad-)Bank des Erzgegners Henry (nicht Harry) Potter vergisst, will man als Zuschauer die Hände vor die Augen schlagen oder in ein Kissen beißen: »Wie kann Billy nur so unachtsam sein?«. Er hätte sich doch auf seine Aufgabe konzentrieren müssen; er hätte aufmerksam sein und sich des zu Erledigenden unverbrüchlich bewusst sein müssen. Man schilt vor dem Fernsehgerät und will ihm ein »Achtung!« zurufen. Bevor dann aber die Gewissheit der eigenen Unzulänglichkeit als Gedanke aufblitzt: All jenes, was gerne von anderen eingefordert wird und man selbst von sich selbst nicht stets einzufordern imstande ist, wird einem flugs bewusst. Im gegebenen Fall des schusseligen Onkels scheint die Unachtsamkeit nur mit Mühe entschuldbar zu sein – auch wenn am Ende (Danke, Frank Capra!) alles gut wird. Aber an diesem oder an weiteren mehr oder minder eindeutigen Fällen macht die Vorstellung dessen, was Achtsamkeit und Unachtsamkeit sind und wie weit sie reichen, nicht Halt. Fernseher aus!

Kultur der Achtsamkeit

Herrgott, nein: Fernseher an! Vor beinahe zehn Jahren forderte der damalige Bundespräsident Horst Köhler in einer von der Bevölkerung stets mit Spannung erwarteten Weihnachtsansprache nichts weniger als eine »Kultur der Achtsamkeit« ein; eine Achtsamkeit, die wir von uns selbst abverlangen müssten. Mehr Bewusstheit für die anderen. Mehr Bewusstheit für die Umwelt. Mehr Bewusstheit für das eigene Leben. Mehr Bewusstheit – eigentlich für alles, von allem. Köhler sagte: »Es geht um eine Kultur der Achtsamkeit und Anerkennung, überall […]. Und jeder von uns kann dazu beitragen.“ Kritikerinnen und Kritiker mögen dies – womöglich eilfertig – als eine Fingerübung im Appellieren und im nebulösen Einschwören verspotten. Dass das Abverlangte nicht ins bisweilen so genannte kollektive Gedächtnis und in die kulturelle Praxis aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger eingegangen ist, vermögen Gäste der Berliner U-Bahn, um nur ein beliebiges hauptstädtisches Beispiel zu nennen, allerdings umstandslos zu bestätigen. Die jeweils individuellen Beiträge können eben unterschiedlich hoch oder niedrig ausfallen – oder auch gar nicht geleistet werden.

Wenn man jedoch überall achtsam sein soll, bezogen auf jedes und jeden (zugegeben: so begrifflich exakt wird es Köhler nicht gemeint haben), dann droht die Achtsamkeitsüberforderung. Dann wird aus vermeintlich gut Gemeintem schlechthin nicht zu Verwirklichendes; dann wird aus Achtsamkeit am Ende Unachtsamkeit, weil sich der Blick nur bedingt weiten lässt. Und allzu selbstkritische Personen würden sich im Extrem der achtsamen Kultur unentwegt schuldig fühlen müssen, es an Achtsamkeit mangeln zu lassen.

Philosophische Platzangst

Man möchte einschreiten und wieder »Achtung!« ausrufen: Nicht jede Unachtsamkeit ist unentschuldbar, nicht jede Unachtsamkeit ist der Ausdruck einer Kultur der Unachtsamkeit! Zwischen dem fiktiven Ereignis im Weihnachtsfilm und dem realen Appell der Weihnachtsansprache, zwischen der Unachtsamkeitsverfehlung im filmischen Finanzcrash und der gebotenen Mindfulness für alles und jeden sucht man händeringend nach Verständnis. Nur wenig hilft da das beiläufige Blättern in einem alten philosophischen Fachbuch, dem zufolge unachtsames Agieren genau dann entschuldigt werden dürfe, wenn man in diesem Agieren gar nicht recht achtsam sein kann. Gottfried Immanuel Wenzel, der noch keine Berliner U-Bahn-Fahrten erleben konnte, aber einen ihrer phänomenalen Aspekte treffend beschreibt, formulierte Anfang des 19. Jahrhunderts in seinem Werk Vollständiger Lehrbegriff der gesammten Philosophie, dem Bedürfnisse der Zeit gemäss eingerichtet das Folgende: »[I]ch befinde mich in einem grossen Gedränge. Schon wird mir das Athmen zu schwer, und ich sehe mich physisch genöthiget, alles anzuwenden, um aus dem Gedränge zu kommen; ich suche mir Raum zu machen, und trete, während meiner Bemühung mich zu retten, ein Kind so, dass ich ihm einen Fuss breche. – Ich habe keine Sünde begangen; denn meine Unachtsamkeit auf meine Handlung und ihren Gegenstand war das Werk dringender Gefahr, die mich nur allein auf meine Rettung bedacht machte.«

Gelassene Achtsamkeit

Der Gefährdete, der Panische, der akut Getriebene – dessen Unachtsamkeit ist entschuldbar. Die der anderen scheint es nicht zu sein; womit man wieder zur Vorstellung von einer sittlich einzufordernden Kultur der Achtsamkeit zu gelangen droht. Eine Kultur, für die Onkel Billy nicht gemacht und nicht zu machen ist. So schwer es fällt, und so sehr es bisweilen unmöglich ist: Gelassen möchte man dem Unachtsamen – und somit oftmals genug sich selbst – begegnen.

Bild: Kevin Bluer, https://unsplash.com

Zur Person Christoph Widdau

Christoph Sebastian Widdau aus dem Tor zur Nordeifel ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Bereich für Philosophie der Magdeburger Universität.

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