Achtsamkeit | Emotive Egozentrik

Das ist jetzt kein Witz, das gibt es wirklich: das Deutsche Fachzentrum für Achtsamkeit. Auf seiner Website klärt es uns darüber auf, dass Achtsamkeit »eine Qualität des menschlichen Bewusstseins« sei, die »eine besondere Form von Aufmerksamkeit« darstelle. Der Achtsame entwickle »einen klaren, stabilen Geist, der es ihm erlaubt, auch in schwierigen Lebenszeiten und Situationen mit der Kraft seiner inneren Ressourcen verbunden zu sein.« Derlei könne wiederum verschiedene Auswirkungen haben. Genauer gesagt, hat es offenbar exakt elf Auswirkungen, die sich alle mit Hilfe einer durch Aufzählungszeichen gegliederten Liste aus unvollständigen deutschen Sätzen darstellen lassen. Einige davon lauten so: »Beruhigung und Stabilisierung des Geistes: Nicht mehr von Gedankenströmen ›aufgefressen‹ werden«; »Mit sich selbst geduldiger sein und sich besser akzeptieren«; »Negative Emotionen in sinnvolle Kanäle lenken«.

Das Gute und der Mensch

Gewiss wäre man auch gerne in schwierigen Lebenszeiten mit der Kraft seiner inneren Ressourcen verbunden, statt immer nur dann, wenn man gerade auf dem Klo sitzt oder in Nase und Ohr popelt. Und wer hätte nicht gerne einen stabileren Geist? Wer wäre nicht gerne mit sich selbst geduldiger? Wer würde seine negativen Emotionen nicht gerne besser in sinnvolle Kanäle lenken? All dies ist ein uralter Menschheitstraum! Und so könnte man fast meinen, dass die neumodische Achtsamkeit – Pie mal Daumen – nichts anderes sei als eben jener Traum, den schon Aristoteles’ Superhero, der Phronimos, verkörperte. Aber dies scheint nur so. Selbst dann nämlich, wenn man von dem ganzen Psycho- und Esoterik-Geschwätz absieht, welches die neumodische Achtsamkeit umwabert, bleibt festzustellen, dass bei Aristoteles die Tugenden und damit auch der Phronimos an dem ausgerichtet sind, was gut für den Menschen als Menschen ist. Bei Aristoteles geht es nicht darum, dass man sich subjektiv gut fühlt, während man irgendetwas tut. Es geht darum, dass das, was man tut, für einen selbst und für seine Mitmenschen gut ist, weil es gut für Menschen ist. Tut man derlei stets und führt also ein gutes menschliches Leben, dann darf man sich zwar auch gut fühlen. Aber das Leben, das man führt, ist nicht deshalb schon gut, bloß weil man sich so fühlt. Und man führt es auch nicht, um sich gut zu fühlen. Ist man tugendhaft, so führt man es schlicht deshalb, weil es von und für Menschen gut ist, so zu leben.

Form und Gefühl

Ob der modernen Vielfalt menschlicher Lebensstile, Gepflogenheiten und Vorlieben sowie der unüberschaubaren Diversität menschlicher Überzeugungen, Meinungen und Werturteile ist es heutzutage allerdings gar nicht so leicht zu sagen, was von und für Menschen schlicht deshalb gut ist, weil sie Menschen sind. Viele, die hinsichtlich dieser Frage das Fettnäpfchen allzu konkreter Festlegungen vermeiden wollen, weil derlei im Ruch des Intoleranten, Dogmatischen oder Totalitären steht, flüchten sich daher ins rein Formale. Das rein Formale gleitet jedoch nur allzu schnell in den Relativismus des Emotiven ab. Denn soll es nicht bloße Form und damit leere Hülle und Worthülse bleiben, muss es notgedrungen irgendwann konkret und also mit Material befüllt werden. Und nicht selten behilft man sich dann ganz am Ende damit, das rein Formale mit unvergleichlich subjektiven Emotionen aufzufüllen.

Vor diesem intellektuellen Sinkflug sind auch die Freunde der neumodischen Achtsamkeit nicht gefeit. Allzu weich gerät ihre Landung in der vollends subjektiven Wohlfühloase eskapistischer Emo-Egozentrik. Und daher ist es auch keineswegs ein Versehen, dass es zahlreiche Achtsamkeitskurse für das gehobene Management gibt. Denn mit einer inhaltlich bloß subjektiv-emotional ausgekleideten Achtsamkeit kann man auch ganz hervorragend Mitarbeiter mobben und entlassen, ungerechtfertigterweise Bonis einheimsen, Sozialleistungen kürzen, Steuern hinterziehen, bestechen und sich bestechen lassen, die Altervorsorge seiner Kunden auf den globalen Finanzmärkten verhökern und auf Kosten der Gesundheit von Menschen in entfernten Ländern billige Kleidung, Computer, Mobiltelefone oder sonstwas produzieren.

Training und Tugend

Thomas Middelhoff, Anton Schlecker und Uli Hoeneß hätten genau das, was sie taten, auch ausgesprochen achtsam tun können. Dazu hätten sie aber freilich zuvor ein Achtsamkeitsseminar besuchen müssen. Wie es der Zufall so will, bietet das Deutsche Fachzentrum für Achtsamkeit selbstverständlich auch Seminare an. Für 1300,- Euro hätten unsere drei halbseidenen Hallodris dort zum Beispiel das »Achtsamkeits-Jahrestraining« besuchen können, um an nur vier Wochenenden zu lernen, sich noch viel besser zu akzeptieren und nicht mehr von Gedankenströmen »aufgefressen« zu werden, sollte sich ihr Gewissen wider Erwarten doch einmal zu Wort melden. Von so etwas wie einem tugendhaften und somit guten menschlichen Leben wären die drei bauernschlauen Wirtschaftskriminellen allerdings auch nach dem erfolgreich absolvierten Achtsamkeitsseminar noch immer Lichtjahre entfernt, obwohl sie sich dabei womöglich ganz gut fühlen würden.

Lektüre und Leben

Neben dem emotiven Relativismus, stößt gewiss auch unangenehm auf, dass sich das ganze Brimborium um den Terminus »Achtsamkeit« nur als ein weiteres warenförmiges Seminarangebot auf dem Psycho- und Esoterikmarkt entpuppt. Anders als die elitären Streicheleinheiten für die Seelen jener Besserverdienenden, die mal für ein paar Wochenenden stumpf auf eine Weintraube starren wollen, um ihrem konsumistischen ADHS-Alltag im Gegenwartskapitalismus zu entfliehen, steht Aristoteles’ Nikomachische Ethik heutzutage indes jeder und jedem als preiswertes Taschenbuch oder gar gänzlich gratis im weltweiten Netz zur Verfügung. Allen, die ein gutes menschliches Leben führen wollen, sei hiermit die aufmerksame Lektüre dringlichst empfohlen.

Foto: https://pixabay.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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