Achtsamkeit | Der Rausch der Nüchternheit

Aus Sicht der kritischen Zeitdiagnostik bietet der derzeitige Trend zur »Achtsamkeit« fraglos eine Steilvorlage: Die gehetzten bürgerlichen Eliten »steigen aus«, ziehen sich in mentale Wellness-Zitadellen zurück – weil sie es sich leisten können. Sie meditieren stundenlang auf den Anblick einer Weintraube, beobachten, atmen, spüren, atmen wieder oder knabbern hingebungsvoll an der Tischdekoration im angesagten Dunkelrestaurant. In einschlägigen Geburtshäusern wird achtsam geboren, in Managementkursen achtsam geführt und in der Fachliteratur gar der »achtsame Stuhlgang« propagiert. Wo entsprechend »Scheiße zu Gold« gemacht wird, fällt es leicht, sich über diesen pseudo-buddhistischen Hype lustig zu machen. Stets lautet der ach so auf- und abgeklärte Vorwurf: Hier würden soziale Pathologien einer viel zu rasanten Welt auf die Individuen abgewälzt, vor allem aber unpolitische Attitüden der Weltflucht zum Programm erhoben. All dies mag stimmen, aber ist nicht doch auch etwas dran an der grassierenden Sehnsucht nach eskapistischer Abkehr durch innere Einkehr?

Weltflüchtlingshilfe

Auf den ersten Blick könnte man meinen, achtsame Menschen rückten im Zuge ihrer konzentrierten Trainingseinheiten immer näher an die Realität (der Weintraube etc.) heran. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Achtsamkeitsbewegung ist zunächst nur eine neue Episode in der langen Geschichte der Realitätsflucht. Schauen wir daher zurück: Einst schuf der Mensch sich einen Gott, um mit der Idee eines paradiesischen Jenseits eine Art Fluchtpunkt, eine eskapistische Endlösung für das frustrierende Diesseits parat zu haben. Es war Karl Marx, der philosophisch mit der Religion als »Opium des Volks« dealte (»des« Volks übrigens, nicht »für« das Volk, denn es ging Marx ja gerade um eine selbstinjizierte Dröhnung). Die monotheistische Religion war und ist – wie eben auch die wahrscheinlich noch ältere Opium-Pfeife oder der Joint und eben auch deren vergleichsweise »nüchterne« Alternative: die Achtsamkeit – eine Art Weltflüchtlingshilfe. Stets geht es darum, über das Leid der wirklichen Welt hinwegzutrösten. Denn diese wirkliche Welt entspricht nicht gerade dem, was man sich einst von ihr erträumt haben mag. Wenn man sich in der Realität nicht heimisch fühlt, werden naiv weltfremde Fluchtreflexe spürbar: Es erwacht der betörende Traum von einer neuen Schwerelosigkeit; davon, dass am Ende vielleicht doch »eine andere Welt möglich ist«.

Man will weg. Wer will einem das verdenken? Aber leider ist die Erde eine Kugel. Deshalb nimmt die besagte Weltflucht meist die Gestalt einer inneren Emigration an. Hier aber bieten sich zahlreiche Alternativen: nicht nur religiöse Heilsbotschaften, sondern auch politische Ideologien, Psychopharmaka und Partys, Musik, Videospiele, TV und Netflix, Kloster-Aufenthalte, Yoga-Retreats – und nun also der nüchterne Trend zu Achtsamkeit. All das sind bloß unterschiedliche Strategien einer utopischen Befreiung vom Realitätsprinzip. Hier zeigt sich eine zutiefst menschliche Sehnsucht nach Absenz; der Wille zur Abwesenheit.

Keine Macht den Drogen?

Seit jeher ruft die wirkliche Welt weltfremde Eskapisten gern zur Ordnung: »Reißt euch zusammen!«. Die Apologeten des Realitätsprinzips sehen in der Fluchtbereitschaft der diversen Realitätsverweigerer nichts als eine charakterschwache Vermeidungshaltung und unpolitische Privatisierung: Eskapisten stehlen sich aus der Verantwortung und kapitulieren vor der Willkür politischer Kräfteverhältnisse! Auch Marx empfahl bekanntlich den ideologiekritischen Drogenentzug; die buchstäbliche Ent-täuschung, gemäß dem radikalen Imperativ, »einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf«. Und Marx schloss daraus: »Die Kritik der Religion [bzw. der Achtsamkeit usw.] ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion [bzw. die Achtsamkeit] ist«. Diese anti-eskapistische Kritik lebt, wie selbstverständlich, von einer Prämisse, die so selbstverständlich gar nicht ist: von der Überzeugung nämlich, dass es tatsächlich so viel angemessener, ja, besser sei, in der Realität, im Hier und Jetzt, zu leben und sich den diesseitigen Problemen zu stellen. Aber wer sagt das eigentlich? Wer hat ein Interesse daran, uns ständig an die Herrschaft des Realitätsprinzips zu erinnern?

Joint Venture

Sicher, wenn die Achtsamkeit, wie das Kiffen, ins Prokastinieren ausartet, ins ständige Abwarten, in ein stilles Erdulden der wirklichen Welt, dann läuft etwas falsch. Aber ist das beim Achtsam-Werden notwendig so? Nein, denn beim richtig verstandenen Achtsamkeitstraining würde keineswegs das Denken abgestellt, sondern die Besonnenheit geübt: »Muss das alles sein?« Für Eskapisten gilt, wie Peter Sloterdijk in einer grandiosen Analyse der »Weltfremdheit« gezeigt hat: »Die Welt ist alles, was eigentlich nicht der Fall sein dürfte«. Das buchstäblich Unheimliche der weltabgewandten Existenz drängt immer auch zum Aufbruch ins Neue;  setzt utopische Überschüsse frei. Eskapisten halten die Luft an, bis sich erste Hintertüren öffnen und frische Luft hereinströmt. Die Vordenker von Revolten und Revolutionen waren selten diejenigen, die sich vom Alltagsstress absorbieren ließen. Es waren vielmehr jene, die sich um das Realitätsprinzip, um das Machbare, gerade nicht sonderlich scherten. Vielleicht ist es das, was uns an Eskapisten ärgert: Sie leben bereits in einer anderen Welt. Wir leider nicht.

Bild: K Bomz, https://unsplash.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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