Achtsamkeit | Dialektik der Achtsamkeit

Es ist, wie es ist (sagt die unachtsam faule Vernunft): Einer postfaktisch-orientierungslosen Moderne ist die Achtsamkeit inzwischen zu dem geworden, was dereinst die Aufklärung gewesen. Galt es vormals als Gebot der Stunde eines eurozentrischen Zeitalters, das selbständige Denken einem kritisch gewendeten Bedenken des Gedachten zu unterziehen, so hat sich das regulative »Mind the gap!« nun zu einem kontemplativen »Mind the mind!« gewandelt. Jemand mit dieser Disposition soll sich gemäß des »freundlichen« Imperativs der »mindfulness« in einem besonderen Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustand seines Seins im Hier und Jetzt gewahr werden. Auf den ersten Blick sehen alle in diese Richtung zielenden Bemühungen wie eine begrüßenswerte und sogar konsequent progressive Erscheinung aus – schließlich lebt der Mensch nicht von Vernunft allein, denn er hat auch einen fühlenden Leib sowie sechs bis sieben Sinne und zudem eine rege Triebnatur, die ihm freilich zuweilen manch Unbehagen bereitet. Doch die Achtsamkeit ist als Akt eines bewussten Bewusstseins vor dialektischer Unbill so wenig gefeit wie jene Aufklärung, der eine Kritische Theorie einst den Spiegel vorhalten musste, um sie auf den blinden Fleck ihrer unaufgeklärt aufklärerischen Selbstzufriedenheit zu verweisen.

Achtsam unachtsam

Wer achtsam ist, will (und muss!) sich auf etwas Bestimmtes konzentrieren. Atme ein, atme aus. Spüre deinen Körper. Einatmen, ausatmen. Und vor allem: Bitte nicht so viel denken dabei! Die aufsteigenden Gedanken nicht aufsteigen lassen, sich um Himmels willen nicht damit beschäftigen. Es geht schließlich um Stressabbau. Die Welt draußen lassen. Ganz bei sich sein. Einatmen, ausatmen. Sich auf das Wesentliche konzentrieren, den Atem, den Körper. – Wer achtsam ist, darf sich (so schlicht kann Logik sein) aber auch auf nichts Anderes mehr konzentrieren als auf diese wenigen Dinge, die mit solchen Übungen in Achtsamkeit fokussiert werden. Nur bleibt dann außer dem eigenen Körper mit all seinen Regungen einschließlich diverser Atem- und Verdauungsaktivitäten nicht wirklich viel übrig, denn der Raum des achtsam Beachteten ist bloß die Ein-Raum-Wohnung des ganz bei sich seienden Individuums.

Aus Gründen der Mentalhygiene mag eine derartige Besinnung von Zeit zu Zeit förderlich sein, doch sie befördert an ihren unscharfen Rändern einen Trend zur Unachtsamkeit, die dann zur unschönen Kehrseite des Strebens nach einem achtsamen Leben zu werden droht. Denn wem es zum Habitus geworden ist, ›die Welt‹ draußen zu lassen, dem dürfte es ein Leichtes sein, alles von der achtsamen Fokussierung nicht Erfasste mit konsequenter Unachtsamkeit zu strafen, sei’s unbewusst oder bewusst als Verachtung im Zuge einer Abwendung von den als unzumutbar empfundenen Zumutungen des Lebens.

Achtsam Welt verändern

Doch realistisch betrachtet, lässt sich jene Welt mit all ihren Begleiterscheinungen eben nicht einfach zum Verschwinden bringen, bloß weil sich einige Zeitgenossen eskapistisch in ein Wellness-Refugium zurückziehen und der fatalen Egozentrik eines mentalen Überlegenheitsgefühls huldigen. Vielmehr tun wir gut daran, in dieser Hinsicht die Herren Hegel und Marx – die man sich zwar schwerlich als meditierende Jünger einer Religion der Achtsamkeit, dafür als kluge Kenner des menschlichen Bewusstseins vorzustellen hat – wieder ernst zu nehmen, weil sie von der wirklichkeitsverändernden Wirkung des auf sich aufmerksam gewordenen Geistes überzeugt waren, freilich unter verschiedenen Vorzeichen: Während der Apologet einer gediegenen Bürgerlichkeit in der selbstbewegten Entfaltungslogik des Geistes die Vernünftigkeit der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit der Vernunft gespiegelt sah, nahm der um treffende Formulierungen nie verlegene Revoluzzer von der Mosel die damals wie heute verkorkste Gesellschaft aufs Korn, weil diese nämlich tendenziell das Bewusstsein korrumpiert, was sich nur durch radikale Besinnung auf das richtige Bewusstsein wieder hinbiegen lässt. Doch egal, ob wir nun eher mit einem idealistischem Materialismus oder einem materialistischen Idealismus sympathisieren wollen – der Trend zur Achtsamkeit in unseren Tagen wäre allemal danach zu bewerten, ob er tatsächlich zu einer umfassenden Selbst- und Welterkenntnis beiträgt und das gemeinsame Leben von Menschen im Sinne eines echten Fortschritts verbessert.

Achtsam verwertet

Daran darf zumindest gezweifelt werden. Denn zur endgültigen Perversion gerät schließlich eine florierende Dienstleistungsindustrie der Achtsamkeit, die im Mantragesang ihrer Marketingslogans mit dem Versprechen lockt, die Leistungsfähigkeit des Einzelnen effizient und umfassend steigern zu können. In dieser Verwertungslogik verkauft man dem Individuum – vermeintlich wohlfeil, meist übel überteuert – ein Produkt, mit dem es seine Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt des survival of the fittest zu behaupten vermag. Die Idiotie, sich von Leuten, denen man bereits seine Arbeitskraft verkauft und die stets versuchen, einen als Person am besten in jeglicher Hinsicht (kognitiv, mental, emotional, sozial…) in Anspruch zu nehmen und optimal zu verwerten, ein weiteres kostenpflichtiges Produkt zur willfährigen Selbstausbeutung verkaufen zu lassen, grenzt an ein trauriges Wunder. Da nützen dann auch die erholsamsten und vom Arbeitgeber natürlich generös gewährten retreats und sabbaticals nix – es ist wie es ist, wenn die Vernunft mit der Achtsamkeit nichts anzufangen weiß.

Foto: Sr. X, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

Ein Kommentar

  1. Linda Guelsmann · 13 Days Ago

    Ein rhetorisch sehr ansprechender Beitrag, der jedoch mit der Darstellung von Achtsamkeit hinkt. Sicherlich gilt es in dem Augenblick der Meditation im Jetzt zu sein und die mit dem Atem verbundenen Gefühle zu spüren und wahrzunehmen. Jedoch geht es nicht darum die Gedanken zu ignorieren oder beiseite zu schieben. Vielmehr soll beobachtet werden welche Kette an Gedanken permanent in unserem Kopf präsent ist , ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen. Dieser Prozess der Wahrnehmung führt zu Selbstkenntnis, von der die Vernunft ungemein profitieren kann, da man durch das Beobachten in der Lage ist nicht mehr affektiv sondern rational zu handeln. Probieren Sie es doch mal aus 😊