Abschied | Und kein Ende

Eines ist klar: Wenn’s ans Abschiednehmen geht, werden Herzen schwer und Augen feucht. Generationen von Schlagerbarden und -bardeusen haben uns in vielfach reproduzierten Schmonzetten die Litanei vom Schmerz der Trennung gesungen – und zwar ganz zu Recht. Denn noch etwas dürfte klar sein: Wer seine Mitmenschen einmal fragt, wie es ihnen mit dem Abschied so gemeinhin ergeht, dem wird gar selten die Antwort beschieden sein, es handele sich dabei um eine ausnehmend angenehme Angelegenheit. Vom Kunstpfeifer Roger Whittaker kündet’s uns: Abschied ist ein scharfes Schwert und scheidet mit Leiden, was ehemals vereint ward. Doch was folgt daraus? Nun, gestünde man dem aus unerfindlichen Gründen so schlagergleich populären Utilitarismus ausnahmsweise und um des Argumentes willen mal ein Quäntchen Plausibilität zu, so wären wir als Bewohner des hiesigen Jammertals eigentlich gehalten, uns stets und ständig darum zu bemühen, leidvolles Abschiednehmen zu vermeiden, wo immer es nur geht. Die Realität ist indes eine andere, denn allerorten frönt man offenbar einer neuen Lust am Abschied.

Komm, mach es kurz und geh

Dieses Phänomen springt einem bereits ins Auge, wenn man einen kurzen Blick auf die kleine Bühne der privatimen Dramolette des modernen Beziehungsalltags wirft: Den Paarbeziehungen des 21. Jahrhunderts eilt immerhin ein zweifelhafter Ruf voraus, weil sie die höchsten Trennungs- und Scheidungsraten aller Zeiten aufweisen. Da werden pompöse und ungemein kostspielige Vermählungen an besonders exklusiven Orten in perfekter Instagramisierung zelebriert, um der vermeintlich absoluten Einmaligkeit einer Liebesverbindung den entsprechenden Beweis zu zollen. Und kurze Zeit später (das einst sprichwörtlich gefürchtete »verflixte siebente Jahr« erreichen viele Paare ja nicht einmal mehr annähernd) ziehen die vormals Vereinten schon wieder auf getrennten Wegen von dannen.

In Zeiten von Zalando & Co. sind kurzweilige Verbindungen der Trend der Stunde und was nicht instantan passt, wird eben postwendend zurückgeschickt; eine rasch getippte Message grenzt da beinahe schon an Förmlichkeit. Als Faustregel darf wohl gelten: Je schneller eine Beziehung endet, umso leichter fällt der Abschied – wo man sich kaum kennt, hat ein Schwert nicht viel zu scheiden.

Ein langer Abschied tut nur weh

Während im Privaten die zunehmende Unverbindlichkeit von Bindungen den Akt des Abschiednehmens zu einer banalen Alltäglichkeit verkommen lässt, geschehen auf der großen Bühne der Politik im Moment ganz andere Dramen, denn hier ist lang Tradiertes in Auflösung begriffen: Die Angelsachsen scheiden von einer Union, die es bislang erfolgreich vermocht hat, die eng benachbarten Staaten Europas mit jeweils recht ausgeprägtem Nationalbewusstsein von einem erneuten Waffengang abzuhalten – denn nicht immer sind aller guten Dinge drei. Russische und amerikanische rocket men sind dabei, sich von einem zu Zeiten des Kalten Krieges mit guten Gründen verabschiedeten Vertrag zu verabschieden, dessen Ziel die Vermeidung einer absurden atomaren Aufrüstung ist. Und in Deutschland nehmen viele Menschen ihren Abschied von der Demokratie, gehen nicht mehr zur Wahl, misstrauen der Politik im Allgemeinen und meinen im Besonderen, dass demokratische Prozesse irgendwie furchtbar nervig sind, weil da eben immer noch all die anderen sind, auf die man Rücksicht nehmen muss. Besonders irritierend mutet dabei die Unbekümmertheit an, mit der jahrzehntelange diplomatische und zivilgesellschaftliche Bemühungen handstreichartig und gleichsam nebenbei entwertet und missachtet werden. Falls uns die Metapher vom scharfen Schwert des Abschieds überhaupt etwas lehrt, dann sicherlich diese simple Einsicht: Nach dem Schnitt ist’s vorbei – und nichts mehr wie vorher.

Ob ihr wirklich richtig steht

Aus philosophischer Perspektive könnten wir nun freilich sagen: So what? Abschiede gehören halt zu einem Leben dazu, das mit der Geburt beginnt und dem Tod aufhört und zwischendurch immer wieder Neues anfangen und Altes enden lässt. Nichtstun wäre vielleicht eine Option. Das hieße dann aber auch, über das wie und wann von Abschieden nicht mehr selbst bestimmen zu können – sie würden einem nur noch widerfahren. Wir sollten uns also nicht an die Dinge des Lebens klammern und uns stattdessen darin üben, Abschiede bewusst und achtsam zu vollziehen. Einer derart vernünftig gedachten Tugend des Abschiednehmens korrespondierte dann eine Klugheit, die jeweils situations- und kontextsensibel zu beurteilen weiß, ob und von was es sich zu verabschieden gilt. Das setzte allerdings voraus, dass einem der Schmerz und die existenzielle Tragweite eines Abschieds noch wirklich etwas bedeuten können und dieser nicht im bloß verwertungslogischen Imperativ des gegenwärtig allumfassenden Ökonomismus aufgeht. Und selbst dann bliebe uns eines nicht erspart, weil wir immer vor der Herausforderung stehen werden, wie mit der zwangsläufigen Kontingenz des Schlussmachens umzugehen ist: Niemand kann sicher voraussehen, was nach einem trennenden Schwerthieb exakt geschehen wird, und somit stellt jeder Abschied auch ein ziemliches Wagnis dar. Es ist im Grunde genommen wie bei der Quizsendung »1, 2 oder 3«: Man hat nicht unendlich viel Zeit, um sich nach bestem Wissen und Gewissen für eine bestimmte Option zu entscheiden. Should I stay or should I go? Tja, das weiß man leider erst, wenn das Licht angeht.

Foto: Istvan, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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