Abschied | Auf ewig

Es gibt zwei Arten von Abschieden: Abschiede auf Zeit und Abschiede für immer. Obwohl das Nachdenken über den Abschied sich in den meisten Fällen mit letzteren beschäftigt, sind erstere doch weitaus häufiger; denn während wir uns nur selten auf Nimmerwiedersehen verabschieden, sind Abschiede am Ende einer flüchtigen oder längeren Begegnung im Laufe des Lebens oder Tages so häufig, dass sie uns kaum auffallen. Es handelt sich dabei um Abschiedsrituale, die meist eine Verabschiedungsformel wie »Bis bald«, »Tschüss«, »Auf Wiedersehen« etc. enthalten. Dabei besteht eine gewisse Symmetrie zur Begrüßung: So wie man eine Interaktion im Allgemeinen mit einer Begrüßung beginnt, so beendet man sie mit einer Verabschiedung. Ausnahmen sind meist durch eine besonders hohe Interaktionsdichte, etwa beim gemeinsamen Wohnen oder Arbeiten begründet. Hier können Begrüßung und Verabschiedung entfallen, wenn und insofern die Interaktion nur als Episode in einem ohnehin unterstellten dauerhaften Kommunikationszusammenhang aufgefasst wird.

Wir werden uns wiedersehen

Wie wesentlich Begrüßung und Verabschiedung für gelingende Interaktionen sind, lässt sich leicht in einem Gedankenexperiment feststellen: Die grußlose Beendigung einer Begegnung mit einem Bekannten auf der Straße, indem man sich abwendete und wortlos seiner Wege ginge, würde als grobe Unhöflichkeit wahrgenommen, die ohne weitere Erklärung unverständlich bleiben und für starke Irritation sorgen müsste. Woher kommt diese Irritation? Offenbar daher, dass ein Auseinandergehen ohne Verabschiedung als eine Kündigung des Kommunikationszusammenhangs, also als Ausdruck des Willens zu einer endgültigen Trennung aufgefasst werden würde. Umgekehrt scheint es also die Funktion der Verabschiedung zu sein, sich gegenseitig zu vergewissern, dass der Abschied nur ein vorübergehender ist; dass also die gemeinsame Zugehörigkeit zu einem dauerhaften Kommunikationszusammenhang durch die zeitweilige Trennung nicht in Frage gestellt wird. Dies kommt auch semantisch in Formeln wie »Auf Wiedersehen« etc. zum Ausdruck.

Zwar besteht offenkundig die Möglichkeit, eine Interaktion endgültig durch ein grußloses Auseinandergehen zu beenden; dies tritt jedoch relativ selten auf und ist meist die Folge eines Streites oder jedenfalls einer Verstimmung. Wesentlich häufiger ist die auf Dauer angelegte, ja, möglicherweise sogar endgültige Trennung, die dennoch von einem Abschiedsritual begleitet wird. Diese Rituale werden dabei in der Regel um so umfangreicher ausfallen, je länger oder unwiderruflicher die Trennung ist und je näher die Abschied Nehmenden einander stehen – etwa dann, wenn Verwandte einander zum Bahnhof bringen, sich Abschiedsgeschenke machen, vielfach umarmen und zum Abschied winken.

Auf immer

Die Funktion dieser Rituale ist es offensichtlich, sich auch angesichts der bevorstehenden Trennung gegenseitig zu vergewissern, dass man die Gemeinschaft durch diese Trennung dennoch nicht enden lassen will, auch wenn eine Wiederbegegnung ungewiss oder unwahrscheinlich ist. Paradox mutet es dabei an, dass auch und gerade Abschiede, von denen man weiß, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach für immer sind – z.B. in früheren Zeiten bei einer Auswanderung nach Amerika, aber auch am Ende einer Romanze – ebenfalls mit solchen Ritualen besiegelt werden. Für diese Abschiede stehen Worte zur Verfügung, deren Antiquiertheit darauf hindeutet, dass diese Form des Abschieds in Zeiten moderner Telekommunikation selten geworden ist: »Lebewohl«, »Farewell«, »Adieu«. Offenbar kommt in diesen Ritualen, ganz gleich ob sie sich der entsprechenden Worte bedienen oder nicht, ein Wille zum Ausdruck, die Gemeinschaft auch angesichts einer dauerhaften Trennung andauern zu lassen. Andernfalls wäre der grußlose Abschied in solchen Fällen gänzlich ausreichend und angemessen.

Und ewig

Da den Abschied Nehmenden jedoch bewusst ist, dass es künftig aller Wahrscheinlichkeit nach keine weiteren Interaktionen geben wird, die einen andauernden Kommunikationszusammenhang begründen könnten, stellt sich die Frage, worin eine fortgesetzte Gemeinschaft dann bestehen könnte. Dies gilt vor allem dann, wenn der Abschied angesichts des nahenden Todes eines der Interaktionspartner stattfindet. Es muss etwas gemeint sein wie der Wille, die Kommunikationsgemeinschaft mit dem Sterbenden auch dann am Leben zu erhalten, wenn dieser nicht mehr ist – und umgekehrt. Geht man nicht davon aus, dass Kommunikation mit Toten in einem buchstäblichen Sinne möglich ist, muss diese Gemeinschaft einen intelligiblen Charakter besitzen: Wir gehen von einer geistigen Fortexistenz der Gemeinschaft auch angesichts ihrer physischen Unmöglichkeit aus. Das Ende der Gemeinschaft in der Zeit geht dann mit einem Glauben an ihre überzeitliche, also ewige Fortsetzung einher. Die Möglichkeit solcher Abschiede mag eine eitle Hoffnung sein. Unsere tägliche Praxis jedenfalls setzt voraus, dass selbst Abschiede für immer nicht schon endgültig sind, sondern Abschiede auf ewig.

Foto: pawel szvmanski, https://unsplash.com

Zur Person Deniz Sertcan

Deniz Sertcan ist Philosoph und Ökonom. Er arbeitet im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Ein Kommentar

  1. Jan Amstutz · Januar 20

    Schöner Text.
    Vielleicht geht es beim letzten Abschied auch um ein friedliches Ende der gemeinsamen Geschichte.