Abschied | Von alten Gewohnheiten

Das Knallen der Sektkorken und Polenböller wird eben erst verhallt, das neue Jahr nur ein paar Tage alt sein, und schon werden viele Menschen ernüchtert feststellen: All die guten Vorsätze, die sie in der Neujahrsnacht gefasst haben, sind längst schon wieder perdu. Mag der eine beschlossen haben, zukünftig weniger Alkohol zu trinken, und eine andere, fortan wieder mehr Sport zu treiben: Zwei, drei Gin Tonic am Abend sind einfach zu chillig, und die neue Jogginghose macht sich eh viel besser beim Binge Watching auf dem Sofa.

Griechischer Wein

Die alten Griechen nannten das Problem akrasia, und schon Sokrates sah sich mit der alltäglichen, aber verblüffenden Frage konfrontiert: Wie kommt es, dass der Mensch das Gute erkennt und trotzdem das Schlechte tut? Das Feierbiest Sokrates allerdings irritierte damals seine Freunde nach einer Ladung Retsina mit der launigen Behauptung, dass es dieses scheinbar so vertraute Phänomen der »Willensschwäche« bzw. eines »Handeln wider besseres Wissen« gar nicht gebe: Wer das Schlechte tue, »wisse« offenbar doch nicht recht, was das Gute sei. Denn wenn er es wüsste, würde er es auch entsprechend tun. Allerdings widerspricht diese sokratische Provokation einem Déjà-vu, das wir keineswegs nur vom verkaterten Neujahrstag kennen und dem die Marke »Post-it« ihren weltweiten Erfolg verdankt: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!

Das philosophische Problem der Willenschwäche hängt aus erkenntnistheoretischer Sicht vermutlich damit zusammen, dass gute Gründe für etwas ersichtlich etwas ganz anderes sind als handlungswirksame Motivationen zu etwas. Selbst wenn man Erstere hat, hat man noch lange nicht Letztere. Wichtiger aber noch ist eine ethisch-diätische Frage, die zugleich auch den politisch folgenreichen Streit zwischen »Progressiven« und »Konservativen« befeuert: Wer sagt eigentlich, dass es so schlecht oder eben »schwach« ist, an alten Gewohnheiten festzuhalten?

Neoliberaler Geist

Die philosophisch altehrwürdige Kritik der Willensschwäche feiert heute ihr Revival in der neoliberalen Ideologie der Selbstoptimierung: Per Smart Watch werden Kalorien kalkuliert, Schritte gezählt, Joggingrunden gepostet, Schlafrhythmen aufgezeichnet, Daten an die Krankenkasse überstellt. Passend dazu der schon jetzt aus dem Ruder laufende Modetrend zum »Nudging«. Hier nur ein besonders groteskes Beispiel: Forscher der Uni Siegen haben ein interaktives Schlüsselbrett entworfen. Wer nach dem Autoschlüssel greift, dem fällt umgehend und mahnend der Schlüssel für das gesündere Fahrrad vor die Füße. Man kann sich gut vorstellen, wie lustig und motivierend das beim fünften Mal noch ist…

Old habits die hard

Alte Gewohnheiten haben es angesichts dieser Foucault’schen Strategien der Selbstsorge nicht leicht. In einer Welt, die zur skrupulösen Nabelschau tendiert und damit geradezu an die chinesische Kulturrevolution erinnert, gelten diese Gewohnheiten nicht bloß als konservativ oder reaktionär, sondern buchstäblich als »krank«. Aber wer ist hier eigentlich krank? Ein Forscherteam aus Illinois hat Ende der 1970er Jahre die »gefühlte« Lebensqualität von schlagartig euphorisierten Lotteriegewinnern erforscht. Anschließend verglich man die Ergebnisse mit einer Untersuchung, die sich mit der Lebenszufriedenheit von querschnittsgelähmten Unfallopfern befasste. Und nun raten Sie einmal, welche der beiden Personengruppen – im Durchschnitt – mit dem eigenen Leben (un)zufriedener war? Unmittelbar nach dem erfreulichen bzw. niederschmetternden Ereignis traf fraglos zu, dass die Lotteriegewinner glücklicher waren. Die Forscher_innen fanden jedoch heraus, dass sich die euphorischen bzw. die leidvollen Gefühlslagen der ersten Zeit bald auch wieder nivellierten, ja, dass die Gruppe mit erheblichem Handicap insgesamt sogar leicht optimistischer in die Zukunft sah.

Existenzielle Obdach

Dass sich der Mensch »an alles gewöhne«, wird häufig spöttisch von linken Entfremdungskritiker_innen gegen die Übermacht systembedingter Zwänge ins Felde geführt, ist aber angesichts einer Welt voll schicksalhafter Unfälle und Beschädigungen eher ein Segen. »Gewöhnung« ist ersichtlich mit dem »Wohnen« wortverwandt. Wer sich an etwas gewöhnt, macht es sich gemütlich oder heimelig. Oder anders: Wer alte Gewohnheiten hat, hat damit immer auch ein Dach über dem Kopf. Und um im Bilde zu bleiben: Mir persönlich gefällt da eine historische Ziegeldeckung sehr viel besser als moderne Flachdächer, auf denen sich solange der Regen sammelt, bis er durch die Decke sickert. Gut, das klingt nicht gerade revolutionär. Aber es bringt innerlich eine gewisse Statik mit sich. Entscheidend ist ohnehin nicht, ob Dächer bzw. Gewohnheiten alt sind, sondern ob sie gut oder schlecht sind. Wer aber entscheidet das? Die Frauenzeitschrift Brigitte? Der Ernährungsberater auf RTL 2? Eine Uhr aus Cupertino? Statt vergeblich gute Vorsätze einer vermeintlich smarten Selbsttransformation zu fassen, hätte man die vergangenen Tage der »Besinnung« auch dazu nutzen können, herauszufinden, was es unbedingt zu konservieren gilt. Natürlich darf und soll das jeder bzw. jede selbst entscheiden und auf bunten Post-its notieren. Doch gibt es da eine alte Gewohnheit, von der man sich zum Jahreswechsel auf jeden Fall verabschieden sollte. Und das ist diese lächerliche Gewohnheit, pauschal von alten Gewohnheiten Abschied nehmen zu wollen. Denn wenn wir das bisherige Leben einmal Revue passieren lassen: Was stimmt uns zufriedener? Die vielen uns auferlegten Veränderungen? Oder doch eher das, was Bestand hatte, was immer wieder da war, worauf man sich verlassen konnte?

Foto: https://conexionesemergentesr.files.wordpress.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Ein Kommentar

  1. Claudia Berlin · Dezember 29

    Ein schöner Artikel, der mit guten Gründen die ewig wiederkehrenden „guten Vorsätze“ zum Jahreswechsel kritisiert.
    Alte Gewohnheiten sind meist geschätzte Gewohnheiten, sonst hätte man sie längst verändert. Sie sind auch ein Stück weit identitätsstiftend – und das ohne Gefahr von Kollateralschäden wie das Identität Suchen in Herkunft, Heimat, Hautfarbe.