Abschied | Aufbruch

Die keineswegs jüngst verstorbene, aber wohl nur noch einer ausgesuchten Schar erwiesener Schlagerexperten vorgerückten Alters bekannte Chanteuse Katja Ebstein veröffentlichte 1979 eine von diesen kleinen Schallplatten aus Vinyl, die man seinerzeit »Singles« nannte. Diese sogenannten Singles hatten zwei Seiten: eine sogenannte A-Seite und eine sogenannte B-Seite. Um das auf der je anderen Seite konservierte Musikgut anhören zu können, musste man die sogenannte Single auf dem sogenannten Plattenspieler wenden. Eine A-Seite wurde gemeinhin als wichtiger angesehen, weil A vor B kommt und somit vor dem heutzutage recht mühselig anmutenden Akt des Schallplattenwendens. Die A-Seite der von Katja Ebstein 1979 veröffentlichten Single hatte den bemerkenswerten Titel »Abschied ist ein bißchen wie Sterben«. Das ist gewissermassen die deutsche Übersetzung eines geflügelten Wortes des Französischen, nämlich die Übersetzung von »Partir, c’est mourir un peu«.

Katja Ebstein hat sich gerne von Schlagertextern sogenannte Hits schreiben lassen, die derartige Lebensweisheiten zum Titel und Refrain hatten. Mit dem Schlager »Wunder gibt es immer wieder« brannte sie sich ins Gedächtnis all jener Bundesrepublikaner ein, die vor 1980 geboren wurden. Als Kind hasste ich Katja Ebstein dafür. Und auch heute noch würde ich wahrscheinlich so ziemlich jede Missetat gestehen, flöge man mich in ein karibisches Gefangenenlager und spielte mir dort Stunde um Stunde die größten Hits Katja Ebsteins vor. Aber darum, welche die gegenüber meiner Person grausamsten Instrumente der finalen Rettungsbefragung wären, soll es hier gar nicht gehen. Vielmehr wollen wir uns jetzt fragen, ob Abschied tatsächlich ein bißchen wie Sterben ist.

Tod

Die Frage lässt sich relativ schnell beantworten. Natürlich ist Abschied genauso wenig ein bißchen wie Sterben, wie etwa ein Orgasmus der kleine Tod — oder auf französisch: »la petite mort« — ist. Kleine Tode gibt es gar nicht. Der Tod ist immer groß und unberechenbar. Er kommt entweder zu früh oder zu spät, doch kaum je passend. Bei Orgasmen kann das zwar auch passieren, aber allein deshalb sind sie noch lange nicht die kleinen französischen Schwestern und deutschen Brüder von Gevatter Tod. Wäre besagte terminliche Unzuverlässigkeit nämlich ein hinreichendes Merkmal, so müssten auch fast alle Züge der Deutschen Bundesbahn mehr oder minder nahe Verwandte des Todes sein. Dass dem nicht so ist, lässt sich jedoch leicht feststellen, indem man einmal versucht, nicht dem Tode, sondern dem Zuge ins Auge zu blicken. Schnell wird man feststellen, dass dies nicht gelingt, da Züge gar keine Augen haben, sondern bestenfalls Scheinwerfer. Und Scheinwerfer sind keine Augen — selbst dann nicht, sollte es im Französischen ein mir bisher unbekanntes geflügeltes Wort geben, das da lautet: »Scheinwerfer sind die Augen der Seele«.

Sterben

Zweifelsohne kann man im Zuge des Sterbens auch Abschied nehmen. Man kann aber auch einfach sterben. Eine Verabschiedung mag zwar vielen Hinterbliebenen und auch manchen Sterbenden durchaus wünschenswert erscheinen. Dass Abschied ein bißchen wie Sterben ist, folgt daraus allerdings nicht. Überhaupt lässt sich nur schwer etwas vorstellen, dass »ein bisschen wie Sterben« wäre. Das liegt daran, dass die meisten unserer Aktivitäten, die diesem oder jenem Schlagertexter hier als mögliche Kandidaten in den Sinn kommen mögen, Manifestationen des Lebens sind, die einen zeitlich und vor allem auch teleologisch dahinter liegenden Zweck haben, welcher ebenfalls eine Manifestation des Lebens darstellt. Sterben ist mit Blick auf das Leben jedoch ziemlich finit und zwecklos.

Leben

Im Gegensatz zum Sterben sind Abschiede durch und durch Manifestationen des Lebens, die mehr oder minder erkennbar zielorientiert einen bestimmten Zweck verfolgen. Verabschiedet man sich etwa von seinem Blinddarm, so tut man dies in der Regel, um seine Gesundheit zu erhalten. Ist man ein ehemaliger Außenminister oder sonstiger Hallodri und verabschiedet sich von seiner vierten Gattin, so tut man dies, um sogleich die nächstliegende Frau als fünfte Gattin zu ehelichen. Aber selbst dann, wenn es schwerfällt, nach dem »um« etwas anderes hervorzubringen als blödsinniges Gestammel, lässt sich immerhin noch feststellen, dass irgendein Zweck mit dem Abschied offenbar doch verfolgt wird — mag es auch noch so unsinnig sein, ihn zu verfolgen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Brexit. Fragte man etwa Boris Johnson nach Sinn und Zweck, sich aus der EU zu verabschieden, so würden wir aus seinem Gestammel alle möglichen Variationen des Begriffs der Freiheit heraushören können sowie die Idee der Wiederbelebung alter Größe und Glorie Großbritanniens. Das ist zwar im Falle des Vereinigten Königreichs vollkommener Bullshit, genauer: John Bullshit. Aber im Allgemeinen können Abschiede durchaus nicht nur befreiend, sondern auch belebend sein. Zumindest Letzteres behauptet man ja vom Sterben dann doch eher selten.

Merkel

Ein gutes Beispiel für die sowohl befreiende als auch belebende Wirkung von Abschieden ist nicht der Brexit, sondern Angela Merkel. Hätten die Franzosen und Katja Ebsteins Schlagertexter Recht, hätte Angela Merkel nach ihrem Abschied vom Parteivorsitz der Christlich Demokratischen Union eigentlich ein bißchen wie eine Halbtote sein müssen. Das war sie zwar die meiste Zeit ihres politischen Lebens. Aber nun nach ihrem Abschied blühte sie geradezu auf, wurde für ihre Verhältnisse locker, redegewandt und fast gewitzt. Der einzige Halbtote, den man auf dem 31. Parteitag der CDU in Hamburg beobachten konnte, war stattdessen ein sauerländischer Zombie aus den 1990er Jahren, der nicht verabschiedet, sondern von fast der Hälfte der Parteitagsdelegierten als neuer Parteivorsitzender begrüßt wurde. Leute, denen auch der Name »Katja Ebstein« noch etwas sagt, kannten diesen Untoten als »Bierdeckel-Freddy«, der seinerzeit durch den neoliberalen Nightmare der Jahrtausendwende wütete. Auf dem Pateitag der CDU hielt er eine Bewerbungsrede, die nicht einmal mehr halbtot war, sondern als ein Fall von verbaler Übertötung bezeichnet werden muss, da sie in etwa so viel Lebendigkeit ausstrahlte wie die Powerpoint-Präsentation eines Wachkomapatienten zum Thema »Antizyklische Wachstumserträge bolivianischer Assets in Mesopotamien« vor der versammelten Belegschaft der Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld. Angela Merkel tänzelte hingegen nach ihrem Abschied beglückt und gelöst wie eine junge Hupfdohle durch den nicht enden wollenden Applaus und wirkte dabei so lebendig wie nur selten zuvor. Manchmal ist Abschied ein bisschen wie Aufbruch.

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Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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