1968-2018 | „Freiheit ist rational – oder keine“

Als die Studierenden nicht länger mit Slips und Kragen auf die Straße gingen. Wie wurde man zu einem 68er? Worum ging es damals? Um praktische Theoriekritik oder eine kritische Theorie der Praxis? Und was bleibt? Slippery Slopes im Gespräch mit dem Soziologen Hauke Brunkhorst.

 

Slippery Slopes: Herr Brunkhorst, welche Erinnerungen haben Sie an den 11. April 1968, den Tag, an dem Rudi Dutschke auf dem Berliner Ku’damm vom Fahrrad geschossen wurde? Sie waren damals Student.

Hauke Brunkhorst: Ich war gerade in Flensburg bei meinen Eltern und sofort elektrisiert, als ich die Nachricht im Radio hörte. Die Meldung, überall sei zu Demonstrationen aufgerufen worden, nahm ich zum Anlass, gleich das Haus zu verlassen und in die Stadt zu gehen. Auf dem Weg traf ich tatsächlich vereinzelte Demonstranten, von denen ich die meisten kannte. An der zentralen Kreuzung der kleinen Stadt verteilten sich ein paar Gestalten auf weitem Platz, um Parolen gegen den Springer-Konzern zu skandieren, während ein einsamer dicker Polizist im grünen Rock einen ebenso einsamen Demonstranten auf der menschenleeren Kreuzung verfolgte ‑ ihn aber nicht einholen konnte. Ich packte die rote Fahne, die ich vom Berliner Vietnam-Kongress, auf dem mir zum ersten Mal der Hass der von Springers Journalisten verhetzten Bevölkerung bewusst wurde, mitgenommen hatte, ins Auto und fuhr nach Kiel. In der Universitätsstadt gab es dann in den nächsten Tagen größere Demonstration und eine Reihe von Teach-ins.

Slippery Slopes: Uns wurde dieses Foto zugespielt.

Hauke Brunkhorst: Ja, hinten rechts, der mit der Liebknecht-Fahne, das bin ich. Ich glaube, wir rufen gerade: »Ho, Ho, Ho chi minh!«.

Entfesselte Zungen

Slippery Slopes: Was hat der Studentenbewegung damals mehr geschadet: der Verlust ihrer charismatischen Führerfigur oder Jürgen Habermas’ Vorwurf des »Linksfaschismus«?

Hauke Brunkhorst: Das ist eine blöde Frage. Dutschke war damals ein mitreißender Redner und hatte erheblichen Einfluss auf die entstehende Studentenbewegung. Aber wir – und auch er selbst – haben uns immer gegen die Zuschreibung des schon bei Max Weber schiefen Begriffs eines charismatischen Führers gewehrt. Dutschke war eine wichtige Figur, aber nicht der »Führer« einer Bewegung, die viel zu sehr auf ihre schon eher fetischisierte Spontaneität pochte und ihren Führungsfiguren mit Misstrauen begegnete. Gleichzeitig schossen die Redner und mit ihnen Führerfiguren wie Pilze aus dem Boden. Dieser Entfesselung der Zungen verdankte die Bewegung ihre erstaunliche Produktivität und kulturrevolutionäre Durchschlagskraft. Die erste Demonstration, die ich mitmachte, war am 2. Juni 1967 in Kiel, nach der Erschießung von Benno Ohnesorg. Ich war gerade im ersten Semester, und alle kamen in schwarzen Abitursanzügen. Es war der letzte Schweigemarsch und das letzte Mal mit Schlips und Kragen. Danach gab es dann den Kongress in Hannover, auf dem Habermas nach dem Vortrag von Dutschke noch mal ins Auditorium zurückkam und – stark konditionalisiert – davon sprach, sollte Dutschke dies und das so gemeint haben, wäre das linksfaschistisch.

Slippery Slopes: Was genau meinte Habermas denn damit?

Hauke Brunkhorst: Das war ein wichtiger Beitrag zur Klärung der damals noch ganz theoretischen und vorsichtigen Gewaltdebatte. Es ging auch zunächst gar nicht um Gewalt, sondern um nicht-gewalttätige Aktionen, die die Staatsgewalt provozieren sollten, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Hierauf bezog sich die Nachfrage von Habermas. Danach gab es dann eine heftige Diskussion innerhalb der Linken, und Habermas nahm den vermeintlichen Vorwurf sogar zurück. Das alles hat der Linken in keiner Weise geschadet. Was ihr geschadet hat, war aber die fortgesetzte Überreaktion der immer nervöser werdenden, wenig souveränen Staatsgewalt auf einen zunächst ganz harmlosen Aktionismus. Und das endete als eine Art staatliche Selbstradikalisierung sehr viel später im deutschen Herbst.

Negativer Kritizismus

Slippery Slopes: 1968 erschien Habermas’ »Erkenntnis und Interesse«, kurz darauf dann die Neuauflage der lange Zeit nur als Raubdruck zugänglichen »Dialektik der Aufklärung«. Welches Buch bedeutete Ihnen damals mehr?

Hauke Brunkhorst: Da muss ich etwas weiter ausholen. Auf die Frankfurter Schule bin ich zum ersten Mal im Spiegel gestoßen; noch vor dem Studium, in Berichten über radikale Studentenzirkel in Berlin und Frankfurt. Und da fand ich dann in der Flensburger Stadtbücherei zunächst Adornos »Negative Dialektik« und hab die Nähe zu dem im Spiegel beschriebenen negativen Kritizismus wiedererkannt, ja, besser noch gefühlt. Das Buch habe ich dann aber, nachdem ich mich durch die ersten 30 Seiten durchgequält hatte, wieder weggelegt, weil ich das Übrige kaum verstanden habe. Ich habe das damals im Lichte des Französischen Existenzialismus gelesen, dem ich in der Schule verfallen war.

Slippery Slopes: Und im Studium dann?

Hauke Brunkhorst: Ich hatte mit Germanistik und im Nebenfach Philosophie angefangen und mich von den Vorlesungen Karl Otto Apels faszinieren lassen, der damals in Kiel ein großer Jungstar war und sich, was mir sehr imponiert hat, in die studentischen Vollversammlungen gestürzt und mit hunderten aufgeregter Studenten diskutiert hat. Er war der einzige der Professoren, der das so intensiv und ohne Abwehrreflexe gemacht hat. Er hat gesagt, in Lateinamerika würde er auch zur Flinte greifen, hier aber müsse man die noch vorhandenen Möglichkeiten struktureller Reformen ausnutzen; was vielleicht provokante Aktionen, zivilen Ungehorsam, aber keinen revolutionären Kampf rechtfertige. Diese Arbeitsteilung hat mir damals sofort eingeleuchtet. Und sie leuchtet mir immer noch ein. Inzwischen ist allerdings klar, dass die Gewalt angesichts des ungeheuren, staatlichen Gewaltpotenzials überall sinnlos geworden ist. Aber das, was Arendt als Macht der diskutierenden Straße bezeichnet hat, funktioniert heute wie damals. Sie kann sogar, wie sich zuletzt im Arab-Spring gezeigt hat, Militärdiktaturen in äußerste Bedrängnis bringen. Eine Garantie, dass es gut ausgeht, gibt es natürlich nie.

Slippery Slopes: Sie sind bei Apel dann auch auf Marx gestoßen.

Hauke Brunkhorst: Ja, Apel hat Marx als objektives Komplement zum subjektiven Existenzialismus dargestellt. Auch das halte ich immer noch für richtig. Ich habe dann zur selben Zeit vor allem Marcuse, Freud, viel Psychoanalyse (gab es alles in Raubdrucken) und Wilhelm Reichs bedeutendes Werk zur Charakteranalyse gelesen. Durch Apels radikalsten Assistenten, Gerd Wartenberg, wurde ich dann auch auf Georg Lukacs und Agnes Heller aufmerksam, deren Aufsatz »Individuum und Gemeinschaft« mir aber eher so vorkam wie der idealistische Jargon meiner Schullehrer, den ich bis heute nicht ausstehen kann.

Slippery Slopes: Und Habermas?

Hauke Brunkhorst: Noch bevor Apel, Wartenberg und der Spiegel mein Interesse an Habermas weckten, hatte mir ein älterer Germanistikstudent empfohlen, aus dem »Strukturwandel der Öffentlichkeit« das Kapitel über das kunsträsonierende und kunstkonsumierende Publikum zu lesen. Das war dann schon eine gute Vorbereitung auf die »Dialektik der Aufklärung«, die mich schon sehr beeindruckt hat. Mehr noch hat mich aber Adornos Vortrag »Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?« auf dem Soziologentag 1968 imponiert. Davon hatte ich einen Tonbandmitschnitt, den ich auswendig kannte. Von Habermas’ »Erkenntnis und Interesse« hab ich dann zuerst das Kapitel über die Psychoanalyse gelesen, das eine völlig neue Sicht auf die Politik als »verzerrte Kommunikation« warf. Die Lehre von den Erkenntnisinteressen war dann wichtig für die damalige Wissenschaftskritik, die dadurch ihre Abstraktheit verlor.

Wider das Positive

Slippery Slopes: Die anti-positivistische Wissenschaftskritik stand damals hoch im Kurs. Sie war dann auch Thema Ihrer Dissertation »Praxisbezug und Theoriebildung«.

Hauke Brunkhorst: Das ist jetzt etwas peinlich. Ich habe meine Dissertation nie wieder gelesen. Was ich jedoch versucht habe, war, die Instrumente einer eher analytischen Wissenschaftstheorie zu verwenden, um Marx und die Frankfurter Schule besser zu verstehen und mit einer Sozialforschung zu verbinden, die den kritischen Impuls auch in der Forschung nicht an den Positivismus verriet. Ich gehörte damals einer Gruppe um den Soziologen Jürgen Ritsert an, die ein solches Forschungsprojekt zu realisieren versucht hat. Den Plan halte ich immer noch für richtig. Dass viele meiner vormals radikalen Kollegen dann später biederste positivistische Sozialforscher, analytische Philosophen oder Mitglieder einer bürokratisch verwalteten Kaderpartei wurden (was keinen großen Unterschied macht), hat mich an den 68ern am meisten enttäuscht.

Slippery Slopes: Und was müsste eine Wissenschaftskritik in der Tradition der Frankfurter Schule heute leisten?

Hauke Brunkhorst: Wissenschaftskritik ist heute mindestens so wichtig wie damals, denn die aktuelle Gestalt der »positivistischen Tatsachenwissenschaft« rechtfertigt noch immer Edmund Husserls Diagnose einer »Krisis« der europäischen Wissenschaft aus den 1930er-Jahren. Die derzeitige Synthese aus wirklichkeitsferner, aber hoch-ideologischer, mathematisierter ökonomischer Analyse, aus kognitivistischer Psychologie, reduktionistischer Evolutionsbiologie und Neurowissenschaft ist genau die Gestalt der Wissenschaft, die einschließlich ihrer Menschenzüchtungsprogramme exakt zum autoritären Liberalismus passt – von dem übrigens die postdemokratische und postmenschenrechtliche Verfassungswirklichkeit Europas kaum noch zu unterscheiden ist.

Slippery Slopes: Die 68er-Bewegung stand und steht nicht zuletzt für eine bestimmte – und eben nicht zuletzt wissenschaftskritische – Verbindung von Theorie und Praxis.

Hauke Bunkhorst: Brandaktuell ist hier immer noch Habermas’ Zeitdiagnose aus dem Titelaufsatz des Buches »Technik und Wissenschaft als Ideologie«, die direkt auch die Studentenbewegung einbezog und ihre politische Relevanz für die »Repolitisierung« einer »ausgetrockneten Öffentlichkeit« viel genauer bestimmte als die bald danach aufkommenden »Klassenanalysen«. Für mich war das damals (zusammen mit Marcuse und Adorno, Apel und Wartenberg) die aktuelle Gestalt des Marxismus und alles andere als ein »Verrat« der Studentenbewegung; wie viele meinten, die sich dem Maoismus zuwandten. Im Gegenteil: Es war eine ganz praxisnahe Theorie, die auch die Motive der Bewegung und ihre Propaganda des »Öffentlichkeit herstellen!« besser erklären konnte als alle anderen Theorien; und die diese Motive weitgehend teilte und verstärkte.

Slippery Slopes: Sie gingen wenig später dann selbst nach Frankfurt.

Hauke Brunkhorst. Als ich dorthin kam, schien das alles bereits vorbei zu sein. Adorno war gerade gestorben, und Habermas, bei dem ich zwei-, dreimal in der Vorlesung gewesen war, ging noch im selben Semester nach Starnberg. Von Krahl, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, gab es nachgelassene Thesen, die Adorno die Treue hielten, die politisch aber – zu Recht – weiter wollten und die der einzige intellektuelle Lichtblick im Grau in Grau der Parteiaufbauprogramme zu Beginn der 1970er-Jahre waren.

Die Zukunft der Emanzipation

Slippery Slopes: Die revolutionären Energien mögen rasch verpufft sein, aber das erwähnte Theorie-Praxis-Problem wurde innerhalb der 68er-Bewegung zuvorderst im Dienste der politischen »Emanzipation« diskutiert. Worauf zielte diese?

Hauke Brunkhorst: Im römischen Recht war die »emancipatio«, erstens, Sache des Dominiums, der patriarchialen Hauswirtschaft, und keine öffentliche Angelegenheit. Und sie war, zweitens, ein Gnadenakt des pater familias, der Sklaven oder Söhnen die Freiheit schenkte, wenn es ihm gefiel. Der moderne Sinn von Emanzipation ist in beiden Hinsichten genau umgekehrt zu verstehen: Emanzipation ist kein Geschenk, sondern ein Gegenbegriff zur Herrschaft. Sie ist von denen, die sich emanzipieren, hart erkämpft. Zudem ist Emanzipation im modernen Sinn eine genuin öffentliche Angelegenheit; und auch Privatangelegenheiten sind, sofern sie die Emanzipation von Herrschaftsverhältnissen betreffen, öffentliche Angelegenheiten. Das Private ist, wenn es etwa um die Herrschaft von Männern über Frauen, von Eltern über Kinder oder auch von Kapitalisten über Arbeiter geht, politisch. Das erkannt zu haben, war eine globale Großtat der späten 1960er-Jahre. Der jeweils nationale und regionale Kontext der damaligen Studentenbewegungen war absolut sekundär. Vom ersten Tag an – es ging 1964 in Berkeley los – handelte es sich um eine globale, ja, um die erste wirklich globale soziale Bewegung.

Slippery Slopes: Und Emanzipation heute?

Hauke Brunkhorst: Damals wie heute bedeutet Emanzipation die egalitäre, alle Betroffenen (wie immer indirekt) einbeziehende, radikale, von allen Vorgaben höherer Mächte oder Autoritäten »freie« Selbstbestimmung des individuellen und gesellschaftlichen Lebens der durch Vergesellschaftung individualisierten Akteure. Gelingende Emanzipation setzt immer individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit voraus, sonst scheitert sie. In juristischen Begriffen wäre radikale und egalitäre Selbstbestimmung individuelle und demokratische Selbstgesetzgebung oder Autonomie. Solche Selbstbestimmung kann nur gelingen, wenn sie aus einem deliberativen Prozess hervorgeht, der das Handeln dadurch frei macht, dass er es mit einer hinlänglichen Menge guter Gründe versorgt. Freiheit ist rational – oder keine. Aber es muss der ungehinderte Wille sein, der sich selbst bestimmt und damit selbst an Gründe bindet. Deshalb ist Freiheit im modernen, emanzipatorischen Sinn immer »Willensfreiheit«.

Slippery Slopes: Und was ist mit der Revolution?

Hauke Brunkhorst: In den 1960er Jahren gingen wir überwiegend davon aus, dass der spätkapitalistische Wohlfahrtsstaat ein ungeheuer stabiles Regime ist und dass die sozialen Errungenschaften dieses Regimes nicht mehr rückgängig gemacht werden könnten. Man erwartete eher, dass sie weiter fortschreiten würden in Richtung auf ein zunehmend soziales, ja, sozialistisches Regime. Gleichzeitig erkannten die damals fast gleichzeitig protestierenden Gruppen der Studenten, Frauen und Farbigen, dass diese Gesellschaft auf dem Ausschluss der Frauen, Farbigen und Nicht-Hetrosexuellen beruhte. Sie alle waren massiver Unterdrückung, diskriminierender Beleidigung und extremer Ausbeutung ausgesetzt. Die Proteste, die dann den latent autoritären und wenig demokratischen Charakter des kapitalistischen Wohlfahrtsstaats manifest werden ließen, haben eine globale Kulturrevolution ausgelöst. In deren Verlauf wurden Jahrtausende alte Formen der Unterdrückung, die alle Revolutionen überlebt hatten, überall auf der Welt zum Thema. In weiten Teilen der Welt gerieten sie ins Wanken oder brachen gar zusammen.

Slippery Slopes: Aber?

Hauke Brunkhorst: Heute haben wir eine beinahe umgekehrte Konstellation. Die Umstrukturierung und massive Schwächung des Sozialstaats im Zuge der finanzkapitalistischen Globalisierung hat dazu geführt, dass sich die fortschreitende Aufhebung horizontaler Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, Hautfarben und sexuellen Orientierungen höchst ungleich auf der vertikalen Achse verteilt. Hier wächst die soziale Ungleichheit seit 40 Jahren, und mit der sogenannten Migrationskrise treten auch die imperialen, postkolonialen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Gewinnerbevölkerungen des reichen Nordwestens und den Verliererbevölkerungen des armen Südens erneut ins Blickfeld. Emanzipationsprobleme stellen sich jetzt also auf beiden Achsen, der horizontalen und der vertikalen, während das globale Ungleichheitsregime sukzessive alle demokratischen und auch menschenrechtlichen Fortschritte, die in den vergangenen 150 Jahren erkämpft wurden, durch die zunehmend autoritären Züge eines postdemokratischen Kapitalismus und unpolitischen Liberalismus ersetzt.

Postkonventioneller Schutzwall

Slippery Slopes: Was also bleibt von 1968? Habermas soll auf diese Frage anlässlich des zwanzigsten Jubiläums geantwortet haben: »Frau Süssmuth«. Das klingt wie ein Witz, trifft aber ins Schwarze, wenn damit eine gewisse Liberalisierung des konservativen Milieus gemeint gewesen ist.

Hauke Brunkhorst: Das ist schon sehr tief gestapelt, und der ungefähr gleichaltrige Wallerstein, der von einer erfolgreichen »Weltrevolution«, zumindest in kultureller Hinsicht, spricht, ist näher an der Wahrheit. Trotzdem trifft Habermas einen Punkt sehr gut: Soziologisch betrachtet haben wir heute zwar einen starken, postdemokratischen Trend zum autoritären Liberalismus. Aber selbst wenn Parteien wie die AfD eines Tages Wahlen gewinnen, können sie – wie derzeit Donald Trump – zumindest im Nordwesten des Globus kaum noch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich bringen. Entscheidend ist – und das meint Habermas –, dass der Nationalstaat die nationalen und nationalistischen Solidaritäten nicht mehr mobilisieren kann; schon gar nicht für ein autoritär nationalistisches Regime. Und ohne dieses Potenzial des Nationalstaats hätte es nirgends Regime wie das der Nazis gegeben. Diese Regime sind zwar überall aus einer Wirtschaftskrise hervorgegangen, die mit einer ebenso radikalen wie wahnhaften Austeritätspolitik bekämpft wurde. Das macht auch die »neue« radikale Rechte, die im Österreichischen Bundeskanzler gerade einen gefährlichen europäischen Anführer gefunden hat, zu einer höchst aktuellen Bedrohung. Aber die verschiedenen Mentalitäten lassen sich nicht mehr auf einen Nenner bringen.

Slippery Slopes: Warum sind Sie sich da so sicher?

Hauke Brunkhorst: Weil die expansive Bildungspolitik zwar ein riesiges Prekariat – »We are 99%« – geschaffen, aber zugleich auch die Jugend und deren Adoleszenskrise immer weiter ausgedehnt und die Ausbildung immer breiterer Bevölkerungsschichten zur Universitätsreife geführt hat. Nun stellen kosmopolitische Grundorientierungen und postkonventionelles Denken und Handeln einen massiven mentalen Schutzwall gegen den Autoritarismus dar; zumindest solange, wie die politischen Institutionen und die politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen der 99% nicht zusammenbrechen oder mit Gewalt niedergemacht werden. Denn eines ist sicher: »coercion works« (Charles Tilly). Wenn Gewalt langfristig die Legitimationsressourcen abschmilzt und in Anomie endet, ist es im Fall des Siegeszugs staatlich formeller und informeller Zwangsgewalt mit der Emanzipation erst einmal vorbei. Und wenn es nicht gelingt, die national verlorene Demokratie transnational, zumindest europäisch, zu erneuern, dann wird auch Frau Süssmuths Mentalität nichts daran ändern. Die emanzipatorische Mentalität muss eine Kraft der Basis sein, sonst ist sie bloßer Überbau. Man kann nur hoffen, dass sie das noch ist.

Foto: www.spiegel.de

Zur Person Hauke Brunkhorst

Hauke Brunkhorst ist Soziologe. Er lehrt auch nach seiner Emeritierung an der Universität Flensburg und schreibt Bücher über die Theorie der sozialen Evolution, über Verfassungssoziologie, Rechtstheorie und Politische Theorie.

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