1968-2018 | Besser schimpfen

Dieser Text ist ein Text, der einem Text vorausgeht.

Sie werden in diesem Text nichts lesen, was Sie nicht schon an anderer Stelle gelesen haben.

Sie werden keine Ihnen unbekannten Fremdwörter und keine Wortneuschöpfungen und auch keine außergewöhnlichen Formulierungen lesen. Sie werden Verben, Substantive, Adjektive, Adverbien und Partikel lesen, wie sie Sie sonst in anderen Texten lesen.

Sie lesen einen Text, aber keinen Text, in dem es um irgendetwas geht. Dieser Text hat keinen Inhalt, über den er spricht, er hat keinen Gegenstand, auf den er verweist. Dieser Text ist kein Mittel zum Zweck, er bemüht keine Worte, um eine besondere Stimmung in oder Reaktion bei Ihnen hervorzurufen oder die Einnahme einer bestimmten Haltung gegenüber einer Sache zu bewirken. In diesem Text wird nichts behauptet, Sie werden keine anschauliche Erzählung, keine nachvollziehbare Erläuterung, keine mit Argumenten geführte Rechtfertigung und auch keine geistreiche Pointe zu lesen bekommen. Ihr Interesse an intellektueller Unterhaltung wird nicht befriedigt werden. Sie werden einen Text ohne Bedeutung zu lesen bekommen.

Sie haben sich auf diese Lektüre vorbereitet. Sie haben die Seite Slippery Slopes auf einem dafür technisch geeigneten Anzeigegerät aufgerufen. Sie haben es sich bequem gemacht, auf einem Stuhl, in einem Sessel, auf einem Sofa, vielleicht stehen Sie auch bequem an einem Sekretär. Ihre Stimmung ist gelöst, Sie nehmen sich Zeit. Sie gönnen sich ›in der Hektik des Alltags‹ eine Auszeit für das Lesen dieses Textes.

Sie haben sich von der Lektüre dieses Textes etwas erwartet.

Sie haben sich möglicherweise etwas anderes erwartet.

Nun erwarten Sie etwas von dem, was in diesem Text steht.

Vielleicht erwarten Sie auch nichts Bestimmtes, wollten sich einfach ›überraschen lassen‹.

Sie erwarten jedenfalls, jetzt etwas zum Lesen zu bekommen.

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Was Sie zu lesen bekommen, ist keine philosophisch informierte Satire. Dieser Text ist weder schenkelklopfend lustig noch hintersinnig kritisierend. Dieser Text ist keine Maske, in deren Schutz ich unverblümt sagen darf, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse wirklich sind. Was Sie zu lesen bekommen, ist kein Lehrstück mit einer didaktischen Absicht. Ich gebe nicht vor, im Besitz einer bisher nicht erkannten Einsicht zu sein. Ich beabsichtige nicht, Sie aufzuklären oder etwas ›richtig zu stellen‹. Ich nehme keine alltägliche Situation zum Anlass, um Sie zu erziehen oder an Ihr politisches Bewusstsein zu appellieren.

Sie denken mit, Sie denken nach. Sie versuchen, das soeben Gelesene nachzuvollziehen. Oder Sie versuchen nicht, das soeben Gelesene nachzuvollziehen, weil Sie meinen, bereits zu wissen, es gehe in diesem Text um nichts. Sie verstehen die einzelnen Worte, Sie verstehen deren grammatikalischen Zusammenhang. Sie erwarten von den gelesenen Sätzen einen bedeutungsvollen Sinn. Ein Text, dessen Worte und grammatikalische Struktur verständlich sind, hat Sinn. Ein Text, der keinen Sinn hat und keinen Gedanken zum Ausdruck bringt, hat Nicht-Sinn. Dieser Text hat Sinn und er hat Nicht-Sinn. Es kann mir in diesem Text egal sein, ob er Sinn oder Nicht-Sinn hat. Denn es geht in diesem Text nicht um das in diesem Text Gesagte, sondern um Sie.

Sie lesen diesen Text, Sie wollen etwas von diesem Text. Was wollen Sie von diesem Text? Vielleicht wollen Sie von jemandem etwas öffentlich gesagt bekommen, was Sie so ebenfalls denken, aber sich so niemals trauen würden, selbst öffentlich zu sagen. Oder Sie wollen von jemandem etwas öffentlich gesagt bekommen, was Sie selbst auch öffentlich sagen würden, ohne allerdings dafür die Möglichkeiten zu haben. Oder Sie haben ein heimlich-heimeliges Vergnügen daran, jemandem dabei zuzusehen, wie er – ohne Pseudonym, für alle sichtbar, sogar mit Foto – sich der Gefahr aussetzt, mit dem hier Geschriebenen seine vermeintlichen ›Chancen‹ auf eine Karriere im akademischen Betrieb zu verwirken, gar als ein ›Nestbeschmutzer‹ betrachtet zu werden. Doch in diesem Text finden Sie keine Polemik, keine Ironie, keinen Sarkasmus, nicht einmal leisen Zynismus. Überlegen Sie selbst, was Sie in diesem Text zu finden hofften. Denn hier und jetzt bietet sich Ihnen nicht der verlockende Reiz des Verbotenen – der gewagte Vergleich, die grenzwertige Formulierung, das widerständige Ungenügen und die mutwillige Entführung auf eine mitunter recht schiefe Ebene des Denkens.

Sie haben bis zum Ende gelesen. Sie sind ein guter Leser. Lesen Sie ruhig weiter. Handke zum Beispiel. »Publikumsbeschimpfung«. 1966 geschrieben und von Peymann uraufgeführt, ein Stück theaterrevolutionärer 68er-Kultur – die vernichtende Antwort auf die brechtsche Zeigefinger-Didaktik und vor allem die Entdeckung der Mündigkeit der Form.

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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