1968-2018 | Blumen zu Apfelsinen!

Die sogenannte 68er-Bewegung feiert 2018 ihr 50. Dienstjubiläum. Auf der Betriebsfeier wird der DJ vermutlich allerlei Platten von Bob Dylan, Joan Baez, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Cream und Grateful Dead auflegen müssen, ganz gewiss jedoch die Hippie-Hymne San Francisco von Scott McKenzie. Dies mag uns Anlass genug sein, besagte Hymne – die, wie fast alles, was für »typisch ´68« gehalten wird, aus dem Jahr 1967 stammt – noch einmal mit dem Ohr und dem Geist des hermeneutisch geschulten Musikfreundes genauer anzuhören.

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Lauschen wir den Worten McKenzies, so fällt zunächst auf, dass er uns wiederholt dazu auffordert, sicherzustellen, einige Blumen im Haar zu tragen, sofern wir vorhaben, nach San Francisco zu gehen. Denn dort werden wir, so McKenzie, nicht nur auf einige sanftmütige Menschen treffen. Vielmehr wird es dort zur Sommerzeit auch eine in den späten 1960er Jahren häufig praktizierte Protestveranstaltung zumeist Jugendlicher geben, bei der es zu sexuellen Handlungen in der Öffentlichkeit kommt. An sein Versprechen auf ein »Love-In« anschließend, behauptet McKenzie sodann, dass es überall in der gesamten Nation merkwürdige Vibrationen gäbe. Leute seien in Bewegung. Und eine ganze Generation hätte angeblich eine neue Erklärung parat. Allerdings teilt uns der Barde leider nicht mit, was eigentlich erklärt  werden soll und worin das Neue der Erklärung besteht. Statt Antworten zu geben, wiederholt er bloß stets erneut die Forderung, dass wir sicherzustellen haben, einige Blumen im Haar zu tragen, sofern wir nach San Francisco gehen.

Merkwürdige Bewegungen

Die recht assoziativ und auch etwas gedankenflüchtig aneinandergereihten Behauptungen, die McKenzie in San Francisco vorträgt, sind durchaus geeignet, sich vollends im Ungefähren zu verlieren. Aufgrund der bis zur Unverständlichkeit abstrakten Formulierungen, könnte man fast meinen, man höre einen gesungenen Formularvordruck für die Bekennerschreiben der Rote Armee Fraktion. Mit etwas hermeneutischer Anstrengung können McKenzies Worte jedoch so interpretiert werden, dass mit ihnen folgender Anspruch erhoben wird: Die in San Francisco während der oben erwähnten Protestveranstaltung vollzogenen Bewegungen einiger sanftmütiger Jugendlicher mit Blumen im Haar sind die neue Erklärung einer ganzen Generation, welche die gesamte Nation in merkwürdige Vibrationen versetzt.

Politische Privation

Unter der soeben angeführten Interpretation fällt es nicht schwer, den fraglos hypertrophen Anspruch herauszuhören, der kennzeichnend war für das noch junge und naive Aufbegehren des Jahres 1967, in welchem ja auch die Kommune 1 gegründet wurde (worauf Kollege Pollmann in seinem Beitrag bereits hinwies). Die Illusion, dass die mit Blumen im Haar öffentlich vollzogenen Tätigkeiten des Neckings, Pettings oder gar Koitus´ einen neuen Ansatz darstellen, der die Gesellschaft nicht nur in Schwingungen versetzt, sondern ‑ so darf vermutet werden ‑ auch revolutionieren soll, war Rainer Langhans, Uschi Obermaier und all jenen nicht fremd, die seinerzeit propagierten, dass das Private politisch sei. Wer sich allerdings auch nur ein einziges Mal der zweifelhaften sozialtouristischen Prüfung unterzogen hat, eine Erotikmesse zu besuchen, wird wissen, was man 2018 von der Idee zu halten hat, öffentlich ausgeübte Sexualität könne die Gesellschaft verändern. Und wer auch nur ein einziges Mal eine zeitgenössische Nachmittagstalkshow im Privatfernsehen verfolgte, in der ein Haufen dahergelaufener Idioten sich über das neueste Pimmelpiercing eines noch idiotischeren Idioten ereifern, wird wissen, was heutzutage von der Idee übrig geblieben ist, dass das Private politisch sei.

Nationaler Blümchensex

Bemerkenswert an McKenzies San Francisco ist weiterhin, dass es ausschließlich um protestlerischen Blümchensex in einer imperialistischen Metropole geht und der Begriff der Gesellschaft auf den der Nation verkürzt wird. Führt man sich vor Augen, was etwa Horst Mahler, Bernd Rabehl und auch Rainer Langhans heutzutage von sich geben, so erscheint es keineswegs als bloßer Zufall, dass Scott McKenzie 1967 von der Nation und nicht von der Gesellschaft sang. Noch wissen wir zu wenig über die sexuellen und floristischen Selbstverwirklichungsversuche von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Aber ich vermute stark, dass sie 1968 gut nach San Francisco gepasst hätten; sieht man einmal von den Frisuren der beiden zuletzt Genannten ab. Charles Manson lungerte da ja schließlich auch irgendwo in der Umgebung rum.

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Ohne die sogenannte 68er-Bewegung jetzt sowohl popularmusikalisch wie auch gesellschaftspolitisch in Bausch und Bogen zu verdammen, sollten wir uns dennoch ihrer Schattenseiten bewusst sein, die sich bereits in McKenzies 1967 erschienener Hippie-Hymne andeuten. Vielleicht ist es 2018 an der Zeit, nicht nur weiterhin den Muff von 1000 Jahren unter den Talaren oder worunter auch immer hervorzukehren, sondern ebenso den Muff von 50 Jahren, der sich einst unter den Ponchos und Parkas der immatrikulierten Haschrebell*_(x)Innen anzusammeln begann. Als Soundtrack zum großen Hausputz empfehle ich das ohr- und herzerfrischende Stück A Banda, das  ‑ welch’ Ironie der Geschichte ‑ 1968 von der bezaubernden und leider jüngst verstorbenen France Gall so locker und leicht in die deutschen Wohnstuben geträllert wurde. France Gall legt uns in ihrer kessen Samba nicht nur nahe, an den Hüften Bananen zu tragen, sondern auch McKenzies olle Blumen aus dem Haar zu nehmen und durch zwei modisch ansprechende Südfrüchte zu ersetzen. Ich halte das für sehr vernünftig und möchte mich diesem Vorschlag daher ohne jegliche Einschränkung anschließen.

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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