1968-2018 | Ein kurzer Sommer der Ironie

Als am 1. Januar 1968 in der BRD die Mehrwertsteuer eingeführt wurde, ahnte noch niemand, was für ein historisch bedeutsames Jahr da gerade angebrochen war. Sicher, im Januar zuvor hatte ein Haufen Anarchos in West-Berlin die Kommune I gegründet. Am 2. Juni war am Rande der Anti-Schah-Proteste der Student Benno Ohnesorg erschossen worden. Und später dann war Herbert Marcuse an die FU gekommen, um das »Ende der Utopie« und den Anfang einer nicht länger im Ungefähren schwelgenden, sondern handfesten Opposition auszurufen. Das wichtigste Ereignis der gesamten Bewegung findet jedoch erst später, und zwar am Abend des 4. Januar 1968 (und auch nicht in Berlin) statt: Im Filmtheater am Münchner Lenbachplatz feiert May Spils’ »Zur Sache Schätzchen« Premiere; mit Werner Enke und Uschi Glas in den Hauptrollen. Und erst jetzt wird offenbar: Eine andere Welt ist möglich! Nie wieder hat jemand – kein Fassbinder, kein Schlöndorff, kein Kluge – einen politischen Film mit größerer allegorischer Kraft auf die deutsche Leinwand und damit frecher das Wesen dieser ach so politischen Generation auf den Punkt gebracht.

Philosophische Tiefstapelei

Hauptfigur des Films ist Martin (Werner Enke), ein ungeheuer lässiger Anti-Felix-Krull, der sein Geld mit Schlagertexten verdient (»Zur Sache, Schätzchen/ mach’ keine Mätzchen/ komm’ ins Bettchen/ rauchen wir noch’n Zigarettchen«). Er verlässt selten seine Schwabinger Butze und hat es nur sehr ungern, »wenn sich die Dinge morgens schon so dynamisch entwickeln«. Ein nächtlicher Einbruch in das Elektrogeschäft gegenüber lässt ihn nicht schlafen, rauchend beobachtet er das kriminelle Treiben, aber es interessiert ihn nicht – er legt sich wieder hin. Erst als sein treuer Freund Henry (Henry van Lyck) ihn morgens zur Aussage bei der Polizei drängt, bewahrheitet sich, »dass das ganze Unglück der Menschen aus dem alleinigen Umstand herrührt, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können« (Blaise Pascal). Auf dem Polizeirevier legt Martin eine derartig irritierende Teilnahmslosigkeit an den Tag, dass er sich umgehend verdächtig macht. Die Polizei wird ihm fortan auf den Fersen bleiben. Und Martins Schicksal hängt davon ab, ob er, der Tagedieb aus Überzeugung, die bezaubernde, aus gutem Hause stammende Barbara (Uschi Glas) motivieren kann, ihn retten zu wollen.

In wortgewaltigen Dialogen, ob in der Straßenbahn oder im Freibad, offenbart sich auf Seiten der melancholischen Hauptfigur eine philosophische Tiefstaplerei, deren Tiefenschärfe es mit jeder existentialistischen Theorie des Nichts oder des Absurden aufnehmen kann und die beinahe die gesamte Kritische Theorie der damaligen Zeit in den sommerlichen Schatten stellt. Martin selbst ist bescheiden und charakterisiert die eigene Gedankenwelt als »Pseudophilosophie«: »Das ist eine verdammt ernste Sache. Das ist eigentlich mehr ’ne Wissenschaft. Das muss man lange trainieren. Da muss man manchmal mit’m Trainingsanzug und Spikes durch die Stadt laufen – und warten, bis einem was Gescheites einfällt. Das Wichtigste bei der Pseudophilosophie ist, dass am Schluss nix dabei herauskommt.«

Ausgebufft und abgelascht

Damit ist eine wichtige Wahrheit über viele revolutionäre Theorien und auch über die 68er herausposaunt: Martins vermeintliche Pseudophilosophie ist eine Philosophie der Pseudorevolution; eine Philosophie der verhinderten, an sich selbst erlahmenden Revolte. Die Abgeschlafftheit des Protagonisten (»Der alte Schwung ist hin«) spiegelt bereits Anfang 68 die spätere Erschlaffung vieler revolutionärer Energien wieder. Nur handelt es sich im Film, anders als bei der späteren Revolte, um eine vorauseilende Abgeschlafftheit aus Überzeugung, die den Aufwand der Auflehnung aus guten Gründen scheut. Martin ahnt bereits: Die mutmaßlich politischen Emanzipationssehnsüchte vieler 68er zielten vornehmlich – ob in familiärer, sexueller oder auch in erwerbstätiger Hinsicht – auf die jeweils eigene Befreiung. Eben das offenbart der Film, indem er im Geiste der 68er diesen Geist sogleich verneint; indem er auf aufrührerisch anti-autoritäre Weise all das nicht sein will, was die 68er-Bewegung auf der rhetorischen Oberfläche sein wollte: Anwalt der »Verdammten dieser Erde«, »Geschäftsführer des Weltgeists«, der »proletarischen Revolution« usw. Für Martin gilt stattdessen: Erst kommt das Wurstbrot, »wo die Wurst so richtig überlappt«, dann die Revolte. Und »Fummeln« ist ohnehin das Wichtigste!

Das Ende ist nur ein Schluss

Vor allem aber hat der Film etwas, was linke Berufsrevolutionäre samt ihrer akademisch-philosophischen Begleiterscheinungen oft vermissen lassen: Humor. Leider war es nur ein kurzer Anflug von Ironie, der die 68er im Zuge von »Pudding-Attentat«, Fritz Teufel’scher »Spaßguerilla« und eben May Spils’ »Zur Sache, Schätzchen« umwehte. Wichtiger noch ist der Umstand, dass dieser Martin das seinerzeit schon beliebte, aber grotesk lächerliche Diktum Adornos widerlegte, nach dem es »kein richtiges Leben im falschen« gebe. Der philosophischen Tiefstapler führt uns »die Möglichkeit eines erschöpften Selbst ohne Depression« (Heiko Stoff) vor Augen. Es käme – in dieser Welt – darauf an, sich möglichst entbehrlich zu machen. Zwar gilt sehr wohl die zentrale Botschaft des Films, für die sich viele Zeitgenossen wochenlang durch die »Dialektik der Aufklärung« kämpfen mussten, die Martin selbst aber von seiner Oma hat: »Es wird böööse enden«. Doch am Ende ist dieses Ende nur ein Schluss, und zwar ein dialektischer. Werner Enke hat diesen Schluss viel später einmal in einem Interview im Geiste seines Alter Ego wie folgt gezogen: »Ich bin froh, dass ich nicht mehr mitmischen muss. Daran hab ich hart gearbeitet.«

Foto: Zur Sache, Schätzchen (BRD 1968, Regie: May Spils)

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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