Erinnerungskultur | Polen, PiS und Pippi Langstrumpf

Schon Nietzsche wusste um das Glück des Vergessens: »Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer Eines, wodurch das Glück zum Glücke wird: das Vergessen-können oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden.« In der polnischen Regierungspartei PiS…

Erinnerungskultur | Das Brot

In seiner sogenannten Dresdener Rede beklagte das tausendjährige Brot unter den Björns, nämlich Bernd Höcke, bekanntermaßen dies: » … wir Deutschen […] sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat«. Diese Klage zeigt nicht…

Erinnerungskultur | Wahrung der Totenruhe

Eine Sensation: Der Schnurrbart von Salvador Dalí sitzt noch genau so wie bei seinem Begräbnis vor 28 Jahren. Vor kurzem hatte ein Gericht in Madrid dessen Exhumierung angeordnet. Hintergrund ist die Klage einer 61-jährigen Kartenlegerin aus Girona, die behauptet, Dalís Tochter zu sein. Dabei hatte…

Heimat | Homeland Insecurity

Die Amerikaner wissen ganz genau, was Heimat ist. Sie haben ihr ein ganzes Ministerium gewidmet und diesem in unverfroren pragmatischer Manier gleich seinen Auftrag über die Eingangstür geschrieben: Homeland Security. Solcherart Heimatschutz ginge in Deutschland nicht. Hier spricht man aus guten Gründen lieber vom Ministerium…

Heimat | Der Riss in uns

Die frisch gewählte CDU-Regierung in NRW hat soeben ein »Ministerium für Heimat« eingerichtet. Man darf dies getrost als eine politische Spätfolge der Flüchtlingskrise und der neuerlich aufgeflammten Leitkultur-Debatte verstehen, die ja stets aufs Neue rechte Sehnsüchte nach einem aufgerüsteten Heimatschutz weckt: »Wir sind nicht Burka«,…

Heimat | Haben und Sein

Du sollst dir kein Bildnis machen. Zuweilen wäre eine etwas beflissenere Besinnung auf dieses in mancherlei Kontexten durchaus sinnvolle Gebot religiöser Provenienz wünschenswert. So etwa neulich in Leipzig: Auf einem öffentlichen Platz wurde eine Attraktion namens »German Village« beworben, welche das vergnügungssüchtige wie -selige Volk…

Heimat | Hier im Wir

Margot Honecker soll kurz vor ihrem Tod gesagt haben, Heimat sei für sie der Geruch von Wald und Pilzen. Ich halte diese Begriffsbestimmung für fast ebenso bizarr, wie Frau Honeckers Bemerkung, dass Mauertote zwar bedauerlich seien, aber ja schließlich niemand gezwungen wurde, über die Mauer…

Bausünden | Mittelmaß als Verrat

Als ich neun war, liebte ich diesen bunten Zaun. Er begrenzte ein Grundstück in der Reihe grauer Einfamilienhäuser, die am Rand der Neubausiedlung standen, und er schien mir das einzig lohnende Ziel familiärer Spaziergänge zu sein. Der Zaun meiner Träume bestand aus Holzlatten, jede einzelne…

Bausünden | Stadtdysmorphe Störungen

Während mit Babylon und Las Vegas gleich zwei Orte um den Titel »Stadt der Sünde« buhlen, kommt nur eine Stadt für die Auszeichnung »Stadt der Bausünde« in Frage: Berlin. Es mag nicht einfach sein, den ästhetischen Sündenfall historisch genau zu datieren. Bereits der Dom war…

Bausünden | Hoffentlich ist es Beton!

In den gesellschaftlichen Kreisen, in denen ich mich gegen Ende der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zu bewegen pflegte, war es keineswegs unüblich, in geselliger Runde spontan auszurufen: »Komm’, lass uns einen bauen!«. Diese Aufforderung wurde zumeist nur allzu gerne und allzu häufig befolgt. Und sobald…

Bausünden | Kann denn Bauen Sünde sein?

Eine weise Binse lehrt uns allenthalben, über Geschmack lasse sich nicht streiten. So verhält es sich auf den ersten Blick auch mit den Behausungen, die sich der Mensch seit Jahrtausenden zu bauen pflegt: Dem einen genügt eine kaum überdachte Höhlennische als Eremitage in den Bergen,…

Echt jetzt? | Arbeit ist keine Kunst

Auf der Suche nach einem neuen Job? Ein erfahrener Personaler bei der Sparkasse Saarbrücken will jungen Leuten Mut machen: »Das Wichtigste ist, dass Bewerber authentisch wirken. Sowohl bei der Bewerbung als auch im Gespräch. Sie sollen sich dabei so darstellen, wie sie sind. Besonders ein…

Echt jetzt? | Philosophically Blond

Eigentlich gibt es keine echten Frauen. So etwas auch nur anzudeuten, wäre reaktionär. Eine echte Frau, das wäre ja eine Frau, die zweifelsfrei und zögersohne in die Schublade »Frau« passte, und solche Schubladen wollen wir gar nicht erst aufmachen. Denn um Frauen dort hineinzustecken, müssten…

Echt jetzt? | Würfeltechnik der Verblendung

Jetzt nur einmal rein hypothetisch angenommen, ich würde da womöglich jemanden kennen, der eventuell jemanden kennt, der vielleicht mit dem Gedanken spielt, sich einen neuen Wäschekorb zuzulegen. Freilich könnte diese Person mit nur einem Klick einen Kunststoffkorb für geizgeile € 2,99 kaufen. Aber will man…

Echt jetzt? | The Circus Has Left Town

Was bedeutet schon Echtheit? Ein Clown in der Manege ist echt, weil er mit Mimik und Gestik drollige Späße vorführt und uns tatsächlich zum Lachen bringen kann. Aber zugleich ist er auch unecht, weil er zwar mit dieser Rolle im Zirkus reüssiert, jedoch schwerlich außerhalb…

Verschwörungstheorien | Alles – aber einfach

Haben Sie schon einmal versucht, auch nur für einen Tag sämtliche aktuellen Gesetze und Regeln in diesem Land zu befolgen? Den Hausmüll vollumfänglich zu trennen? Schon mal viele kostbare Tage mit der Auswahl des »besten« Mobilfunkvertrags verschleudert? Oder verfolgen Sie gar das hehre Ziel des…

Verschwörungstheorien | Voll auf die Presse

Fakt ist: Donald Trump, der auf »alternative facts« abonnierte Held unseres postfaktischen Zeitalters, attackiert nun seinerseits die Mainstream-Presse mit dem Vorwurf, sie verbreite nichts als »fake news« über ihn. Das ist mehr als bloß dialektische Ironie, mit der an das berühmte Lügner-Paradox erinnert wäre (»Epimenides,…

Verschwörungstheorien | Ein Schelm, wer denkt

In den »gebildeten Kreisen« sind Verschwörungstheorien nicht eben beliebt. Üblicherweise versteigt sich der distinguierte Tenor in ein ariengleiches Lamento über die tumbe Gut- oder Bösgläubigkeit eines ungeschlachten Hanswursts, dem man – so meinte es der feiste Reformator wohl eigentlich – nur aufs völkische Maul schauen…

Verschwörungstheorien | Konspiration gegen Kontingenz

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 wurden von US-amerikanischen Geheimdiensten inszeniert. Paul McCartney ist 1966 gestorben und durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Die Bilderberger wollen die Weltherrschaft an sich reißen. Die Mondlandung von 1969 wurde von der NASA in einem Filmstudio gedreht. Die Kondensstreifen von…

Narzissmus | Mus ohne Eigenschaften

Da ich Teil einer Generation bin, welcher – neben diversen Attributen – »Narzissmus« nachgesagt wird, übernehme ich hier freiwillig die Rolle, als Sprachrohr meiner Generation zu fungieren. Nun hege ich die Vermutung, dass mit dieser Charakterisierung nicht gemeint ist, dass wir gesund entwickelte Persönlichkeiten haben,…

Narzissmus | Generation Zeitgeist

Seien wir ehrlich: Ein bisschen narzisstisch sind wir doch alle. Das liegt jedoch nicht an unseren kleinen Eitelkeiten, die wir hegen und pflegen. Es liegt vielmehr daran, dass unsere mutmaßliche Authentizität nicht primordial ist. Denn unser Selbst konstituiert sich als solches im intersubjektiven Miteinander unserer…

Narzissmus | Leben im Spiegelkabinett

Was ist eigentlich mit Narziss los? Er beugt sich über einen Teich und sieht ein Gesicht hinter der Wasseroberfläche. Das Gesicht gehört zu einem schönen Mann, der ihn anschaut und dann lächelt. Narziss kann sich von der Erscheinung nicht lösen. Er will den Mann küssen,…

Narzissmus | Generation XY unerlöst

Als Angehöriger der vielgescholtenen Generation X weiß ich sehr wohl: Nichts ist so alt wie die Klage der Älteren über die »Jugend von heute«. Damals sagte man uns nach, vollends unpolitisch geworden, von depressiver Musik aus Seattle eingelullt und mit dem Blasen konsumistischer Trübsal beschäftigt…

Identity Politics | Kampf um liberale Identitäten

Die dumme Rede von »Identitätspolitik« stiftet Verwirrung. Man kann den Begriff auf zweihundertfach verschiedene Weisen verstehen. und es ist im politischen Diskurs nicht immer klar, was gemeint ist. Zwei Verständnisse sind besonders wichtig: Dem ersten Verständnis nach geht es dabei um die These, dass Identitäten…

Identity Politics | Sprachkritik linksherum

Kritik an »politischer Korrektheit« – insbesondere von rechts und mit der typischen Portion Schaum vorm Mund – ist nichts Neues. Was jedoch fehlt, ist eine kritische Bestandsaufnahme von links. Auch wenn der Kampf gegen diskriminierende oder ausschließende Sprache prinzipiell nichts Schlechtes ist, fällt meine Diagnose…

Identity Politics | Rechthaberischer Relativismus

Grüne Spitzenpolitiker*innen haben gleich zu Beginn des neuen Jahres ein paar brandheiße Eisen angefasst: »Racial Profiling bei der Kölner Polizei«, »Sex auf Rezept für Seniorenheime«, »Unisex-Toiletten in Berliner Behörden«. Was Andersdenkenden wie eine Priorisierung von Pipifax vorkommen mag, folgt einer linken Logik: »Antidiskriminierung beginnt bei…

Identity Politics | Sterntaler

Es war einmal ein Kapitalismus in Deutschland, der so hässlich aussah, wie er war. Dicke weiße Männer mit Speckröllchen im Nacken rauchten Zigarren, gaben ihrer Sekretärin ein Klaps auf den Po und lachten des Abends in geselliger Runde mit ihrem ehemaligen Obersturmführer über so manchen…

Theoriefeindlichkeit | Blinde Praxis

Es ist ein verbreitetes Klischee, dass Theoretiker*innen in praktischen Dingen unbeleckt sind. Schon von Thales von Milet ist die Legende verbreitet worden, dass er, den Blick in den Sternen, ins Wasser gestürzt sei. Theoretiker*innen sind solche, die Denken und Sprechen. Wer denkt, handelt nicht. Und…

Theoriefeindlichkeit | Praxisintoleranz

Neulich in meiner Sprechstunde: Ein Student kommt zur Nachbesprechung seiner Hausarbeit, die er über die menschenrechtliche Situation im Israelisch-Palästinensischen Konflikt geschrieben hat – politisch etwas einseitig, wie ich finde, im Stil recht großspurig, vor allem aber philosophisch theoriefern. Selbstbewusst kommentiert er diesen Vorwurf mit der…

Theoriefeindlichkeit | Pheorie und Traxis

Das Theoretisieren ist eine der bemerkenswerten Praktiken des Menschen. Es exemplifiziert nämlich ein Tun, zu dem nur das menschliche Tier im vollen Sinne fähig ist. Das ist jenes Tun, das wir »Denken« nennen. Denken ist notwendig, um handeln zu können. Denn Handeln ist eine menschliche…